Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Fragen und Antworten zu Sinti und Roma

Sinti und Roma gehören zu den vier anerkannten nationalen Minderheiten in Deutschland. Als solche stehen sie unter dem Schutz des Rahmenübereinkommens des Europarates zum Schutz nationaler Minderheiten, das 1998 in Deutschland in Kraft getreten ist. Sinti und Roma leben teils seit vielen hundert Jahren in Deutschland. Zugleich sind sie so stark von Ausgrenzung und Diskriminierung betroffen wie kaum eine andere Bevölkerungsgruppe.

Wie viele Sinti und Roma leben in Deutschland und Europa?

In Deutschland leben schätzungsweise 80.000 bis 140.000 Sinti und Roma. Hiervon besitzen etwa 70.000 die deutsche Staatsbürgerschaft. In Europa leben 10 bis 12 Millionen Roma, in der EU schätzungsweise sechs Millionen. Die Roma bilden damit die größte ethnische Minderheit in Europa.

Mehr Informationen sowie eine Übersicht über den (geschätzten) Anteil der Roma an der Gesamtbevölkerung verschiedener europäischen Staaten finden Sie auf der Webseite des Europarates.

Kann man von „den“ Roma sprechen?

Nein. Roma sind keine homogene Bevölkerungsgruppe, sie unterscheiden sich beispielsweise in der Sprache, Kultur, Geschichte und Religion. Auch ihre sozio-ökonomische Lage unterscheidet sich in Europa sehr. Obwohl „Roma“ als Überbegriff verwendet wird, kann daher nicht von „den“ Roma gesprochen werden. Der Wissenschaftler Klaus-Michael Bogdal, der seit vielen Jahren über das Bild der Roma in der Literatur forscht, spricht daher von „Romvölkern“ oder „Romgruppen“. Als Roma werden auch Menschen bezeichnet, die sich selbst als Kalderasch, Manouches, Kalé, Ashkali, Gitanos und Sinti verstehen. Einige Gruppen wie die Irish Travellers (Pavee) und die Jenischen zählen nicht zur ethnischen Minderheit der Roma. In Deutschland wird die Doppelbezeichnung „Sinti und Roma“ beziehungsweise „Roma und Sinti“ verwendet. Die Bezeichnung Sinti findet sich dabei lediglich im deutschen Sprachraum (Deutschland, Schweiz, Österreich), den Beneluxstaaten und in einigen skandinavischen Ländern.

Ein Glossar finden Sie auf der Webseite des Europarates.

Wo liegen die historischen Wurzeln der Roma?

Die indische Herkunft gilt aufgrund der Sprachverwandtschaft von Romanes mit nordwestindischen Sprachen als nachgewiesen. Roma leben spätestens seit dem 14. Jahrhundert in Europa. Sinti leben seit dem 14. Jahrhundert auf deutschsprachigem Gebiet. Seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts leben Roma in Deutschland.

Welche Diskriminierung erleben Sinti und Roma in Deutschland?

Seit dem Ende des 15. Jahrhunderts wurden Sinti und Roma immer wieder verfolgt und ausgegrenzt. Im Porajmos (Roma-Wort für den Völkermord während der NS-Zeit) wurden hunderttausende Roma systematisch ermordet.

Auch heute noch werden Sinti und Roma in allen Lebensbereichen diskriminiert, wobei bisher nur wenige Studien Aufschluss über das Ausmaß der Diskriminierung geben. In einer Studie gaben 81,2 Prozent der befragten deutschen Sinti und Roma an, persönliche Diskriminierung erfahren zu haben. 53,64 Prozent fühlten sich bei Behördenbesuchen „eingeschüchtert“, „schlecht behandelt“ oder „diskriminiert“. Überdurchschnittlich viele der Befragten besuchten eine Förderschule (10,7 Prozent, in der Mehrheitsbevölkerung nur 4,9 Prozent) Siehe Fußnote 1. Zudem berichten Roma-Organisationen der Antidiskriminierungsstelle von Diskriminierungen durch staatliche Stellen, Diskriminierungen bei der Wohnungssuche und in der Nachbarschaft, bei der Arbeitssuche und Arbeitsmarktintegration, in der Freizeit und bei der Gesundheitsversorgung.

Fußnote 1: Daniel Strauß (Hg.): Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma. Dokumentation und Forschungsbericht, Marburg 2012.

Werden Sinti und Roma durch die Polizei diskriminiert?

Ein Forschungsprojekt zur Aufarbeitung der Geschichte des Bundeskriminalamtes zeigt, dass im Nachkriegsdeutschland Beamte ihre Schikanen gegenüber Sinti und Roma fortsetzten, die schon vor 1945 an mehreren NS-Verbrechen beteiligt und für die Verfolgung und Kriminalisierung von Sinti und Roma zuständig waren. Die Beamten veröffentlichten in Fachzeitschriften Texte voll mit Stereotypen, die sich gegen Sinti und Roma richteten. Diese wirkten sich auf die polizeiliche Datenerfassung, in statistischen Auswertungen, Meldungen und Fahndungen aus. Erst in den 1980er Jahren änderte sich hier auf Druck von Roma-Organisationen und Politik langsam etwas. Diskriminierende Praktiken treten aber auch noch in der Gegenwart auf, wie beispielsweise die Verdächtigung von Roma am Mord der Polizistin Michèle Kiesewetter („Heilbronner Phantom“) gezeigt hat.

Mehr Informationen zum Forschungsprojekt „BKA-Historie“ finden Sie hier.

Wie viele Roma waren Opfer des Nationalsozialismus?

Mehr als 500.000 Roma wurden während des Nationalsozialismus verfolgt und ermordet. Von den deutschen und österreichischen Sinti und Roma wurden circa 25.000 ermordet. Schon kurz nach der Machtübernahme 1933 begann die Verfolgung, Entrechtung und Zwangssterilisierung von Sinti und Roma. Ab 1935 wurden Sinti und Roma in Zwangslagern am Rand von Städten wie Köln, Berlin, Frankfurt am Main, Düsseldorf und Essen konzentriert. Kurz nach Kriegsbeginn begann die Deportation von Roma in Konzentrationslagern, wo sie Zwangsarbeit leisten. Am 16. Mai 1944 kam es zum Aufstand von Roma im Konzentrationslager Ausschwitz-Birkenau. Der Völkermord an den Roma wird heute als Porajmos (dt.: das Verschlingen) bezeichnet. Der Porajmos wurde nach der NS-Zeit weithin ignoriert. Erst 1982 wurde der Völkermord anerkannt. 2012 wurde in Berlin das Denkmal für die im Nationalsozialismus ermordeten Sinti und Roma Europas eingeweiht.

Mehr Informationen zum NS-Völkermord an den Sinti und Roma finden Sie hier.

Was ist Antiziganismus?

Antiziganismus bezeichnet „Bilder und Vorurteile, die sich Menschen von vermeintlichen ‚Zigeunern‘ machen, als auch die Stigmatisierung von Menschen zu ‚Zigeunern‘ und die daraufhin folgende Diskriminierung, Ausgrenzung und Verfolgung“ (End, 2011). Der Begriff verbreitete sich seit den 1980er Jahren und wird seit 2005 auch auf internationaler Ebene zunehmend genutzt. Nach wie vor ist der Begriff umstritten, auch wenn viele Roma-Selbstorganisationen diesen verwenden. Einige bevorzugen den Begriff „Anti-Sinti-/Anti-Roma-Rassismus“.

Ist das Wort „Zigeuner“ diskriminierend?

Ja. Hier handelt es sich nicht um eine Eigenbezeichnung der Roma und Sinti, sondern um eine abwertende Fremdbezeichnung, mit der Sinti und Roma ausgegrenzt werden.

Was ist der EU--Europäische Union-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma?

Der EU-Rahmen für nationale Strategien zur Integration der Roma soll dazu beitragen, die Alltagssituation der Roma zu verbessern. Mit dem EU-Rahmen werden die Mitgliedsstaaten angehalten, einen umfassenden Ansatz zur Integration der Roma zu entwickeln. Die nationalen Integrationsstrategien sollen dabei mit den EU-Zielen abgestimmt werden. Die nationalen Strategien werden regelmäßig von der EU-Kommission bewertet.

Hier finden Sie die nationale Strategie der Bundesrepublik Deutschland.

Eine Bewertung der nationalen Strategie durch die EU-Kommission finden Sie hier.

Wann findet der Internationale Tag der Sinti und Roma statt?

Dieser Tag findet jährlich am 8. April statt. Er erinnert an den ersten Internationalen Roma-Kongress 1971 in London, der aus Vertreter_innen aus 25 Ländern bestand, welche eine Zugehörigkeit zur Geschichte, Kultur, Tradition und Sprache der Roma und Sinti auf der gesamten Welt ausmachten. Auf dem Kongress kam es zu der Gründung der Internationalen Roma-Union (IRU), einem Dachverband regionaler und nationaler Interessenvertretungen.

Wo kann ich mich weiter über die Situation von Sinti und Roma informieren?

Einige Literaturtipps:


Agentur der Europäischen Union für Grundrechte (FRA):
Die Situation der Roma in elf EU-Mitgliedsstaaten.
Umfrageergebnisse auf einen Blick, 2012


Susan Arndt, Nadja Ofuatey-Alzard (Hg.):
Wie Rassismus aus Wörtern spricht.
(K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache.
Ein kritisches Nachschlagewerk, Münster 2011


Iman Attia:
Rassismus (nicht) beim Namen nennen,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte 13-14 (24.3.2014), S. 8-14


Klaus-Michael Bogdal:
Europa erfindet die Zigeuner.
Eine Geschichte von Faszination und Verachtung, Berlin 2011


Markus End:
Bilder und Sinnstruktur des Antiziganismus,
in: Aus Politik und Zeitgeschichte 22-23/2011 (30.5.2011), S. 15-21


Markus End:
Gutachten Antiziganismus.
Zum Stand der Forschung und der Gegenstrategien, hg. v. Daniel Strauß, RomnoKher – Haus für Kultur, Bildung und Antiziganismusforschung,
Mannheim 2013


Andrej Stephan:
Umgang des BKA mit Minderheiten unter besonderer Berücksichtigung der Sinti und Roma,
in: Der Nationalsozialismus und die Geschichte des BKA: Spurensuche in eigener Sache. Ergebnisse, Diskussionen, Reaktionen;
Dokumentation des Kolloquiums zum Forschungsbericht zur BKA-Historie vom 6. April 2011, hg. v. Bundeskriminalamt, Köln 2011, S. 37-44


Daniel Strauß (Hg.):
Studie zur aktuellen Bildungssituation deutscher Sinti und Roma.
Dokumentation und Forschungsbericht, Marburg 2012.