Antidiskriminierungsstelle des Bundes

20.06.2018 Übersicht der laufenden Forschungsprojekte

Die ADS analysiert wissenschaftliche Veröffentlichungen zum Thema (Anti-) Diskriminierung, führt diese zusammen und benennt Forschungslücken. Das Wissen um Formen und Ausmaß von Diskriminierungen ist wichtig, um Präventionsmaßnahmen entwickeln und so Benachteiligungen langfristig bekämpfen zu können. An dieser Stelle wollen wir Ihnen einen strukturierten Überblick über Forschungsvorhaben der Antidiskriminierungsstelle des Bundes geben, die zurzeit durchgeführt werden, jedoch noch nicht abgeschlossen sind.


Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz

Studie „Umgang mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz – Lösungsstrategien und Maßnahmen zur Intervention“

Im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes wird von Juni 2018 bis Mai 2019 eine neue empirische Studie zu sexueller Belästigung am Arbeitsplatz durchgeführt. Ziel ist es, anhand von Einzel- und Gruppeninterviews die Perspektive betroffener Frauen und Männer und der institutionellen Umfelder zu erfassen und Informationen zu Gelingensbedingungen und Hindernissen für ein erfolgreiches Vorgehen gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz zu gewinnen. Aus der Studie sollen effektive und nachhaltige Präventionsmaßnahmen und praxisnahe Handlungsempfehlungen für Betroffene, Arbeitgeber, Unterstützungsstrukturen und den Gesetzgeber abgeleitet werden. Zunächst werden im Rahmen einer repräsentativen bevölkerungsweiten Telefonbefragung 1.500 Frauen und Männer befragt, um Ausmaß, Formen und Vorkommen von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz für unterschiedliche Personengruppen zu erfassen. Im Anschluss werden anhand einer qualitativen telefonischen Vertiefungsbefragung 100 Personen, die von sexueller Belästigung am Arbeitsplatz betroffen sind, vertiefend befragt, um deren Umgang mit und Reaktionen auf die Geschehnisse zu ermitteln und Hinweise auf förderliche und problematische (institutionelle) Rahmenbedingungen zu erhalten. Darüber hinaus finden systematische Gruppendiskussionen mit verschiedenen Zielgruppen (Betroffene, Kolleg*innen, Vorgesetzte, Betriebsrät*innen, Frauenbeauftragte und Vertreter*innen des externen Unterstützungssystems) statt, um Problembereiche und effektive Lösungsstrategien sowie Maßnahmenvorschläge multiperspektivisch zu beleuchten und wirkungsvolle Möglichkeiten der Intervention, Unterstützung und Prävention zu erkunden.

Die Studie wird unter der Leitung von Prof. Dr. Monika Schröttle am Institut für empirische Soziologie an der Universität Erlangen-Nürnberg und Dr. Henry Puhe, SOKO Institut in Bielefeld durchgeführt. Die Ergebnisse werden im Sommer 2019 vorliegen.


Sozialwissenschaftliche Diskriminierungsforschung

Expertise „Erhebung von Antidiskriminierungsdaten in Deutschland. Bestandsaufnahme und Entwicklungsmöglichkeiten (Arbeitstitel)“

Statistiken und Ergebnisse wissenschaftlicher Untersuchungen bilden eine wichtige Grundlage für die Entwicklung, Umsetzung und Evaluation von politischen Maßnahmen. Dies gilt auch für den Bereich der Antidiskriminierungspolitik. Bisher liegt für die Forschungslandschaft in Deutschland kein systematischer Überblick vor, inwieweit diskriminierungsrelevante Fragestellungen in den großen sozialwissenschaftlichen Erhebungen berücksichtigt werden. Gleiches gilt für eine Gesamtschau der Kategorisierungen, nach denen diese Befragungen ausgewertet werden können, um somit Aussagen über das Diskriminierungsrisiko und die Vulnerabilitäten bestimmter gesellschaftlicher Teilgruppen treffen zu können.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat daher eine Expertise in Auftrag gegeben, die eine Bestandsaufnahme diskriminierungsrelevanter Fragestellungen und Kategorisierungen in sozialwissenschaftlichen Erhebungen vornehmen soll. Berücksichtigt werden dabei zum einen große themenübergreifende Wiederholungsbefragungen wie das Sozio-oekonomische Panel (SOEP) oder die Allgemeine Bevölkerungsumfrage der Sozialwissenschaften (ALLBUS). Zum anderen sollen auch wichtige bereichs- und zielgruppenspezifische Befragungen, wie z.B. das Nationale Bildungspanel (NEPS) oder der Deutsche Alterssurvey (DEAS) in die Analyse einbezogen werden. Aus dem Bereich der amtlichen Statistik wird zudem der Mikrozensus berücksichtigt, der eine wichtige Datenquelle für die Sozialwissenschaften darstellt.
Aufbauend auf den Ergebnissen dieser Bestandsaufnahme sollen bestehende Ansätze bewertet und Forschungslücken identifiziert werden. Dabei soll auch der Frage nachgegangen werden, auf welche Weise neue Fragestellungen und Kategorisierungen entwickelt werden können und wie künftig eine stärkere Berücksichtigung des Themas (Anti-)Diskriminierung in sozialwissenschaftlichen Erhebungen erreicht werden kann. Zur Beantwortung dieser Fragen werden zudem Expert_innen aus Zivilgesellschaft und Forschung konsultiert.

Die Expertise wird erstellt von Vera Egenberger, Dr. Anne-Luise Baumann, Dr. Linda Supik und Dr. Alexander Tischbirek.


Diskriminierung aufgrund einer Behinderung

Rechtsgutachten „Angemessene Vorkehrungen als Diskriminierungsdimension im Recht: Menschenrechtliche Forderungen an das AGG

Das Gutachten soll den Begriff der angemessenen Vorkehrungen, wie er sich in der EU-Grundrechtecharta und der UN-Behindertenrechtskonvention findet, erschließen, sich mit seinem Verständnis in der juristischen Literatur auseinandersetzen und für das Antidiskriminierungsrecht fruchtbar machen. Aus dem internationalen Recht möglicherweise folgende Verpflichtungen des Staates und Individualansprüche betroffener Personen sollen herausgearbeitet und konkretisiert werden. Hierbei soll insbesondere das AGG auf möglichen Ergänzungsbedarf überprüft und das Verhältnis zwischen den Regelungen des AGG und denen der UN-Behindertenrechtskonvention erläutert werden. Vor allem die Bereiche außerhalb des Arbeitslebens, wie der Zivilrechtsverkehr, aber auch die Bereiche öffentliche Verwaltung und Bildung, die vom AGG nicht in gleicher Weise wie der Bereich des Arbeitslebens abgedeckt sind, sollen in den Blick genommen werden.

Mit der Gutachtenerstellung wurde Prof. em. Dr. Dr. h. c. Eberhard Eichenhofer betraut. Das Gutachten wird in Kürze veröffentlicht.


Diskriminierungsgründe im AGG

Rechtsexpertise zum Bedarf der Präzisierung und Erweiterung der im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) genannten Merkmale

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) sieht in § 1 sechs Gründe vor, aufgrund derer niemand benachteiligt werden darf: die „Rasse“ oder ethnische Herkunft, das Geschlecht, die Religion oder Weltanschauung, eine Behinderung, das Alter oder die sexuelle Identität. Allerdings zeigen aktuell jüngere Forschungen und Beschwerdedaten, dass Diskriminierung nach wie vor in allen Lebensbereichen stattfindet und dass die im AGG verankerten Merkmale möglicherweise nicht alle Gründe potentieller Benachteiligungen erfassen. Benachteiligungen knüpfen vielmehr auch an andere Diskriminierungsmerkmale an, zum Beispiel an sozioökonomische Faktoren, an die familiäre Situation oder an das äußere Erscheinungsbild.
Bereits ein kurzer Blick auf die nationalen Regelungen anderer Mitgliedstaaten der Europäischen Union zeigt, dass Erweiterungen der Schutzgründe grundsätzlich möglich sind. So erfasst zum Beispiel die spanische Antidiskriminierungsgesetzgebung den sozialen Status und Belgien beispielsweise die Geburt und das Vermögen.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat deshalb eine Expertise in Auftrag gegeben, die sich der Frage des Reformbedarfes der geschützten Merkmale im AGG widmet. Im Rahmen einer systematischen und rechtsvergleichenden Analyse, sollen Erkenntnisse darüber gewonnen werden, ob und inwieweit eine Präzisierung oder Erweiterung der im AGG genannten Merkmale sinnvoll und angezeigt erscheint.

Die Rechtsexpertise umfasst die Erstellung eines Überblicks der bisherigen deutschen und europäischen Rechtsprechung sowie die Erhebung des aktuellen Forschungsstandes. Darüber hinaus soll am Beispiel anderer EU-Mitgliedsstaaten analysiert werden, inwieweit deren Antidiskriminierungsrecht aufgrund präzisierender oder weiterer Merkmale als geeigneter anzusehen ist, um weitere Merkmalsbereiche vor Diskriminierung zu schützen. Hierbei werden die Erfahrungen von Akteuren der Antidiskriminierungsarbeit und von Rechtsexpert_innen in verschiedenen europäischen Mitgliedstaaten ebenso berücksichtigt wie die supranationale Perspektive.

Die Durchführung der Rechtsexpertise erfolgt durch die Ernst & Young Law GmbH in Frankfurt unter der dort verantwortlichen Partnerin für Arbeitsrecht, Frau Rechtsanwältin Bärbel Kuhlmann. Die Vorstellung der Ergebnisse ist für das 4. Quartal 2018 vorgesehen.



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