Antidiskriminierungsstelle des Bundes

27.02.2015 Inter*

Inter* Personen sind Menschen, die im Hinblick auf ihr Geschlecht nicht eindeutig einer der medizinischen „Normkategorien“ eines entweder „männlichen“ oder „weiblichen“ Körpers zugeordnet werden können. Der Begriff Inter* ist ein Überbegriff, der alle vielfältigen intergeschlechtlichen Realitäten und Körperlichkeiten mit einschließen soll.

Im Themenjahr "Gleiches Recht. Jedes Geschlecht." möchten wir die Öffentlichkeit für die Situation von Inter* Personen sensibilisieren und somit der Diskriminierung entgegenwirken.

Fragen und Antworten zu intergeschlechtlichen Menschen

Was bedeutet „inter*“?

Inter* Personen sind Menschen, die im Hinblick auf ihr Geschlecht nicht eindeutig einer der medizinischen „Normkategorien“ eines entweder „männlichen“ oder „weiblichen“ Körpers zugeordnet werden können. Dies kann sowohl durch sekundäre Geschlechtsmerkmale wie Muskelmasse, Haarverteilung oder Gestalt als auch durch primäre Geschlechtsmerkmale (innere und äußere Geschlechtsorgane, chromosomale und hormonelle Struktur) zum Ausdruck kommen und sich in verschiedenen Lebensphasen (bei der Geburt, im Kindes-, Jugend- oder Erwachsenenalter) zeigen.

Der Begriff „inter*“ ist ein Überbegriff, der alle vielfältigen intergeschlechtlichen Realitäten und Körperlichkeiten mit einschließen soll.

Wie viele inter* Personen gibt es in Deutschland?

Es gibt keine zuverlässigen Zahlen oder Statistiken zu der Anzahl von inter* Personen in Deutschland. Die Schätzungen variieren von 8.000 bis hin zu 120.000 Personen. Diese basieren auf Hochrechnungen, da es keine Stelle gibt, die die Daten erfasst. Ein Grund für die stark abweichenden Schätzungen ist unter anderem die zugrunde gelegte Definition von inter* Personen. Die Bundesregierung (Bundestagsdrucksache 16/4786) gab 2007 eine Zahl von 8.000 bis 10.000 inter* Personen in Deutschland und eine Häufigkeit von intergeschlechtlichen Neugeborenen von 1 zu 4.500 an, beschränkt sich dabei aber nur auf Betroffene mit "schwerwiegenden Abweichungen der Geschlechtsentwicklungen".

Andere Schätzungen liegen dagegen weit höher. So geht beispielsweise die Intersex Society of North America, ISNA von einem Vorkommen von rund 1 zu 100 aus, das heißt etwa ein Prozent der Neugeborenen weist körperliche Merkmale auf, die von der männlichen oder weiblichen „Norm“ abweichen. Zur Webseite der ISNA gelangen Sie hier. Und auch die Vereinten Nationen geben an, dass bis zu 1,7 Prozent der Bevölkerung mit intergeschlechtlichen Merkmalen zur Welt kommt. Zum Fact Sheet der Vereinten Nationen zum Thema Intergeschlechtlichkeit gelangen Sie hier.

Welchen Problemen stehen inter* Personen in Deutschland gegenüber und welche Diskriminierung erleben sie?

Wird ein intergeschlechtliches Kind geboren, fehlt es oft an professioneller Beratung und Unterstützung für die Eltern. Eltern berichten immer wieder davon, dass sie von Ärzten zu geschlechtsvereindeutigenden Maßnahmen gedrängt wurden. Viele inter* Personen empfinden diese Behandlungen, zu denen auch Verstümmelungen, Sterilisation, Kastration und kosmetische Eingriffe gehören, als Bevormundung und Verletzung ihrer körperlichen Integrität. Fehlbehandlungen, Tabuisierung und die Vorenthaltung wichtiger Informationen haben gravierende Folgen für das Leben von inter* Personen und führen nicht selten zu seelischen Verletzungen. Darüber hinaus sind die Krankenkassen nicht auf notwendige Behandlungen bei intergeschlechtlichen Personen, wie zum Beispiel Vorsorgeuntersuchungen auf Gonadenkrebs, vorbereitet. Diese Behandlungen werden selten von der Krankenkasse übernommen.

Inter* Personen sind Diskriminierungen in allen Lebensbereichen ausgesetzt. In einer von der Heinrich-Böll-Stiftung initiierten Studie wurden zahlreiche Fälle von struktureller Diskriminierung untersucht. Gerade bei offener nicht gender-konformer Erscheinung oder Verhalten, das nicht mit dem Stereotyp des männlichen oder weiblichen Geschlechts übereinstimmt, kommt es zu verbaler Diskriminierung und sogar physischer Gewalt bis hin zu lebensbedrohlichen Situationen.

An die Beratung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes haben sich inter* Personen gewandt, die aufgrund ihrer Erscheinung im Alltag Beleidigungen und Ausgrenzungen ausgesetzt sind. Sie erleben Diskriminierung im Bereich privater Dienstleistungen. Betroffene berichten von Problemen in Bezug auf Angebote speziell für "Frauen" oder "Männer", zum Beispiel wurde der Zugang zu Umkleideräumen verwehrt. Darüber hinaus erreichten die Antidiskriminierungsstelle des Bundes Fälle, in denen inter*Personen, besonders vor Gericht, fälschlicherweise wie trans* Personen behandelt wurden. Das geänderte oder gewünschte Geschlecht wird in Anrede, im Umgang von Behörden und auch im Alltag häufig ignoriert.

Wo können inter* Personen Unterstützung finden?

Inter* Personen können sich an die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes bietet eine kostenlose juristische Erstberatung an. Unsere Berater_innen informieren über mögliche rechtliche Schritte bei Diskriminierung. Gegebenenfalls können sie auch mögliche weitere Ansprechpartner_innen benennen, die unterstützend tätig werden können. Die ADS hat die Möglichkeit, zu vermitteln. Weitere Beratungsstellen finden Sie in unserer Beratungsstellensuche.

Schützt das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) vor Diskriminierungen aufgrund von inter* Geschlechtlichkeit?

Das AGG schützt vor Diskriminierungen aufgrund des Geschlechts/der sexuellen Identität in Beruf und Beschäftigung sowie im Alltag. Dort findet das AGG Anwendung auf Alltagsgeschäfte wie Einkäufe, Gaststätten- oder Diskothekenbesuche, Wohnungssuche sowie Versicherungs- und Bankgeschäfte. Der Schutzgrund "Geschlecht" umfasst nicht nur Frauen und Männer, sondern auch intergeschlechtliche Personen. Nach der Gesetzesbegründung ist dieser Personenkreis durch das Merkmal "sexuelle Identität" geschützt. 

Was bedeutet die dritte Geschlechtskategorie "divers"?

Ab 2019 können Eltern bei der Registrierung ihrer Kinder für das Geburtenregister zwischen drei Angaben wählen: "Weiblich", "männlich" und "divers". Darüber hinaus besteht auch die Möglichkeit, keine Angaben zum Geschlecht des Kindes zu machen. Ist ein Eintrag in der Vergangenheit unrichtig erfolgt, können intersexuelle Menschen das Register auf Antrag berichtigen lassen.

Der Nachweis der Intersexualität durch ein ärztliches Gutachten ist nicht mehr zwingend erforderlich. Stattdessen kann auch eine eidesstattliche Versicherung ausreichen. Diese Lösung wird von Organisationen und Verbänden aber als Minimalkonsens betrachtet, da sie keine vollständige Streichung des ärztlichen Gutachtenerfordernisses zugunsten eines Antrags beim Standesamt enthält.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat sich in diesem Zusammenhang dafür ausgesprochen, den nicht-binäre Geschlechtseintrag „divers“ für alle Personen zu öffnen, nicht nur dem Personenkreis mit „Varianten der Geschlechtsentwicklung“.

Das Bundesverfassungsgericht hatte am 8. November 2017 die bisherigen Regelungen zum Geschlechtseintrag im Personenstandsregister für verfassungswidrig erklärt (vgl. Beschluss vom 10. Oktober 2017 - 1 BvR 2019/16). Bisher gab es in Deutschland keine dritte Geschlechtskategorie neben "männlich" und "weiblich". Intergeschlechtliche Personen hatten nur die Möglichkeit, den Geschlechtseintrag offen zu lassen.

Wo kann ich mich weiter über die Situation von inter* Personen informieren?