Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Fragen und Antworten zum Thema sexuelle Identität


1. Was bedeutet der Begriff sexuelle Identität?

Der Begriff bezieht sich auf lesbische, schwule, bi- und heterosexuelle Personen. Er wird häufig synonym mit dem Begriff sexuelle Orientierung verwendet. Tatsächlich macht der Begriff sexuelle Identität im Gegensatz zu dem Begriff sexuelle Orientierung aber deutlich, dass es sich bei Homo-, Bi- und Heterosexualität um eine feststehende Eigenschaft einer Person handelt und nicht nur durch die sexuelle Beziehung zu einer anderen Person bestimmt ist.

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität. Im AGG ist der Begriff jedoch nicht definiert. In der Gesetzesbegründung wird aber auch die Diskriminierung von trans* und intergeschlechtlichen Personen, also die Geschlechtsidentität, unter dem Begriff gefasst. Der Europäische Gerichtshof sieht Trans* und Intergeschlechtlichkeit jedoch durch das Merkmal Geschlecht geschützt.

Nichtsdestotrotz ist die Geschichte homo- und bisexueller, trans*- und intergeschlechtlicher Menschen eng miteinander verwoben. Viele Organisationen und Vereine sowie Symbole oder Veranstaltungen beziehen sich deshalb gleichermaßen auf Lesben, Schwule und Bisexuelle sowie trans- und intergeschlechtliche Personen.

2. Was bedeutet die Abkürzung LSBTI*?

Die Abkürzung LSBTI* ist eine Sammelbezeichnung und steht für Lesben, Schwule, Bisexuelle, trans*- und intergeschlechtliche Personen. Das Sternchen ist ein Platzhalter für verschiedene Identitäten. Trans* beispielsweise ist ein Oberbegriff für verschiedene Geschlechtsidentitäten (transgender, transsexuell, transident). Die Abkürzung kommt in unterschiedlichen Varianten vor und kann zum Beispiel noch Zusätze wie Q (queer) A (asexuell) oder ein zweites T (transsexuell) beinhalten.

3. Was bedeutet die Regenbogenflagge, was ist eine Regenbogenfamilie?

Die Regenbogenflagge ist ein internationales Symbol der schwul-lesbischen Bewegung und steht für Vielfalt, Akzeptanz und den Kampf für gleiche Rechte homo- und bisexueller, trans* und intergeschlechtlicher Menschen. Sie wird deshalb insbesondere bei sogenannten Christopher-Street-Day-Veranstaltungen bzw. bei sogenannten Gay-Pride-Veranstaltungen verwendet, bei denen LSBTI* für rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung demonstrieren.

Unter einer Regenbogenfamilie versteht man Familien, die nicht dem klassischen Bild einer heterosexuellen Familie entsprechen. Der Lesben- und Schwulenverband Deutschland definiert sie als Familie, in der mindestens ein Elternteil homosexuell ist. Der Begriff bezieht sich also sowohl auf Familienkonstellationen mit zwei Müttern oder zwei Vätern, schließt aber auch Familienmodelle mit mehr als zwei Elternteilen oder alleinerziehenden LSBTI*-Eltern mit ein.

4. Wie viele homo- und bisexuelle Menschen gibt es in Deutschland?

Trotz verschiedener Umfragen ist es nicht möglich, eine genaue Anzahl homo- und bisexueller Menschen zu benennen. Deshalb unterscheiden sich die Ergebnisse der existierenden Untersuchungen auch sehr stark. Tatsächlich ist es schwer, Homo- und Bisexualität statistisch zu erfassen. Das liegt zum einen daran, dass die sexuelle Orientierung nicht in amtlichen Statistiken festgehalten wird, weil es sich dabei um sehr persönliche Informationen handelt. Zum anderen gibt es viele schwule, lesbische und bisexuelle Menschen, die nicht offen homo- bzw. bisexuell leben können oder wollen, was die Erhebung dieser Daten in Umfragen erschwert.

5. Was ist ein Coming Out?

Der Begriff Coming Out bezeichnet einerseits den Zeitpunkt, an dem sich eine homo- oder bisexuelle Person über ihre eigene sexuelle Identität bewusst wird. Andererseits bezeichnet Coming Out auch den Moment, wenn man das erste Mal zum Beispiel mit Familienmitgliedern oder Freund_innen offen über die eigene sexuelle Orientierung spricht. Für viele Menschen stellt das Coming Out eine große Hürde dar, denn es gibt immer noch viele Vorurteile und Abwertungen gegenüber Homo- und Bisexualität. Das Coming Out ist für viele Menschen deshalb ein lebenslanger Prozess, in dem sie sich immer wieder mit Situationen konfrontiert sehen, in denen sie wegen ihrer sexuellen Identität subtile oder offene Ablehnung erfahren. Der Begriff Coming Out wird zum Beispiel auch für transgeschlechtliche Personen verwendet, die sich ihrer tatsächlichen Geschlechtsidentität bewusst werden.

6. Was ist Homophobie?

Als Homophobie bezeichnet man die offene oder subtile Ablehnung von Homosexualität. Sie bezeichnet in diesem Zusammenhang eine abwertende Einstellung gegenüber schwulen, lesbischen und bisexuellen Personen, die oft mit Vorurteilen, Diskriminierung und sogar psychischer und körperlicher Gewaltausübung einhergeht.

Am Internationalen Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie wird jedes Jahr am 17. Mai mit Aktionen und Veranstaltungen auf die Diskriminierung und Verfolgung von LSBTI* aufmerksam gemacht.

7. Wo erleben homo- und bisexuelle Menschen Diskriminierung?

Eine Umfrage der Antidiskriminierungsstelle des Bundes zu Diskriminierungserfahrungen in Deutschland aus dem Jahr 2015 hat gezeigt, dass homo- und bisexuelle Menschen in allen Lebensbereichen Diskriminierung erleben. Insbesondere in der Schule und am Arbeitsplatz hat das oft schwere Folgen für die Betroffenen. Überdurchschnittlich häufig werden homo- und bisexuelle Personen aber in der Öffentlichkeit und im Freizeitbereich diskriminiert. Viele Menschen in Deutschland haben Vorbehalte und Berührungsängste mit homo- und bisexuellen Menschen. Das zeigt eine andere aktuelle Umfrage der Antidiskriminierungsstelle zu „Bevölkerungseinstellungen gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen in Deutschland“. In der Umfrage haben beispielsweise 38,4 Prozent der Befragten angegeben, dass sie es unangenehm finden, wenn sich zwei Männer in der Öffentlichkeit küssen.

Darüber hinaus werden Homo- und Bisexuelle auch heutzutage noch durch den Gesetzgeber ungleich behandelt. Bis heute dürfen gleichgeschlechtliche Paare weder heiraten noch Kinder adoptieren. Um das zu ändern, müsste der Gesetzgeber, d. h. der Bundestag und der Bundesrat, eine entsprechende Gesetzesänderung verabschieden. Das ist aber bisher immer an den entsprechenden Mehrheiten gescheitert. Seit 2001 können Schwule und Lesben immerhin eine eingetragene Lebenspartnerschaft eingehen, die gleichgeschlechtlichen Paaren aber weniger Rechte einräumt als die Ehe. Laut dem statistischen Bundesamt gab es im Jahr 2013 35.000 eingetragene Lebenspartnerschaften in Deutschland. Mehr Informationen zur den Unterschiedenen zwischen eingetragener Lebenspartnerschaft und Ehe finden Sie hier.

Bis 1994 waren homosexuelle Handlungen von Männern – unter wechselnden Tatbestandsvoraussetzungen– nach dem § 175 des Strafgesetzbuchs (StGB) in Deutschland strafbar. So wurden zwischen 1949 und 1969 in der Bundesrepublik etwa 50.000 Männer verurteilt. Die Verurteilungen waren nicht nur strafrechtlich relevant. Bereits Ermittlungsverfahren haben von Involvierten in vielen Fällen Partnerschaften, Familien und berufliche Karrieren zerstört. Im Jahr 2002 hob der Bundestag die während der Zeit des Nationalsozialismus ergangenen Urteile gegen Homosexuelle auf. Die Urteile, die in der Bundesrepublik nach demselben – durch die Nationalsozialisten verschärften – Paragrafen gefällt wurden, sind zunächst nicht aufgehoben worden. Erst 2016 kündigte die Bundesregierung ein Gesetz zur Rehabilitierung aller Opfer der Strafverfolgung an. Ausführliche Informationen zum Thema finden Sie hier. Ein Rechtsgutachten, das die Antidiskriminierungsstelle zum Thema beauftragt hat, finden Sie hier.

8. Welchen rechtlichen Schutz vor Diskriminierung gibt es in Deutschland?

Das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG) verbietet Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität. Das Gesetz verbietet Diskriminierung dabei vor allem am Arbeitsplatz und bei Rechtsgeschäften des täglichen Lebens, also zum Beispiel beim Einkaufen oder bei Kinobesuchen. Wird eine Person aufgrund der sexuellen Identität diskriminiert, ist es unerheblich, ob die betroffene Person tatsächlich lesbisch, schwul oder bisexuell ist. Entscheidend ist allein die entsprechende Vorstellung der diskriminierenden Person.

Anders als das AGG schützt das Grundgesetz das Merkmal sexuelle Identität nicht ausdrücklich. Die Aufnahme des Begriffs in Artikel 3 würde gewährleisten, dass homo- und bisexuelle Menschen im selben Maß wie Angehörige anderer sozialer Gruppen vor Benachteiligung geschützt sind. In den Landesverfassungen von Berlin, Brandenburg, Bremen und Thüringen ist dieser Schutz bereits umgesetzt.

9. Wie ist die Situation für homo- und bisexuelle Menschen weltweit?

Die Lebenssituation und Rechtslage von homo- und bisexuellen Menschen ist weltweit sehr unterschiedlich. In vielen Ländern hat sich die Situation in den vergangenen Jahren verbessert, in anderen hat sie sich aber auch verschlechtert. Dabei spiegelt die Rechtslage nicht immer die Alltagssituation wider, d. h. auch in Ländern, in denen die rechtliche Situation für homo- und bisexuelle Personen scheinbar gut ist, können sie im Alltag von großer Diskriminierung betroffen sein.

In insgesamt 20 Ländern können gleichgeschlechtliche Paare heiraten (Argentinien, Belgien, Brasilien, Dänemark, Frankreich, Großbritannien, Irland, Island, Kanada, Kolumbien, Luxemburg, Neuseeland, Niederlande, Norwegen, Portugal, Schweden, Spanien, Südafrika, Uruguay, USA).

Im Gegensatz dazu ist Homosexualität in über 70 Ländern bis heute strafbar. In insgesamt zehn Staaten können homo- und bisexuelle Handlungen sogar mit der Todesstrafe sanktioniert werden (Jemen, Iran, Irak, Mauretanien, Nigeria, Katar, Saudi Arabien, Somalia, Sudan, Vereinigte Arabische Emirate).

In lediglich acht Staaten ist sexuelle Orientierung bzw. sexuelle Identität ausdrücklich durch die Verfassung geschützt (Britische Jungferninseln, Ecuador, Fidschi, Kanada, Portugal, Schweden, Schweiz, Südafrika).