Antidiskriminierungsstelle des Bundes

12.11.2010 Anonymisierte Bewerbungsverfahren

Gleiche Qualifikation, ungleiche Chancen

Ein kurzer Blick auf den Namen, das Geschlecht, die Hekunft oder das Alter genügt in vielen Fällen, um eine Bewerbung auszusortieren: Vor allem Menschen mit Migrationshintergrund, ältere Arbeitsuchende und Frauen mit Kindern werden in Bewerbungsverfahren oft benachteiligt. Sie haben deutlich schlechtere Chancen, zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen zu werden. Das belegen zahlreiche Studien und die Beratungserfahrung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes (ADS). Auch ein Bewerbungsfoto kann zu einem ungerechtfertigten Ausschlusskriterium werden, etwa wenn daraus ein Migrationshintergrund ersichtlich wird oder es sich um eine Trans*- oder Inter-Person handelt.

Zuletzt hat eine beim Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) erschienene Studie belegt, dass allein die Angabe eines türkischen Namens ausreicht, die Chance auf ein Vorstellungsgespräch um 14 Prozent zu senken, in kleineren Unternehmen sogar um 24 Prozent. An die ADS wenden sich außerdem häufig allein erziehende Frauen und Menschen über 50 Jahre, die wegen ihres Familienstandes oder ihres Alters benachteiligt werden. Das ist ungerecht. Hier wird qualifizierten Menschen die Chance auf den Jobeinstieg verweigert. Und es ist wirtschaftlich schädlich. Denn vielfältige Teams arbeiten nachweislich besser und erhöhen die Wettbewerbsfähigkeit.

Eine Möglichkeit, gegen die bewusste oder unbewusste Benachteiligung bestimmter Personengruppen vorzugehen, sind anonymisierte Bewerbungsverfahren. Ausgehend von guten Erfahrungen in anderen Ländern hat die unabhängige Antidiskriminierungsstelle des Bundes im November 2010 ein deutschlandweites Modellprojekt gestartet, in dem verschiedene Unternehmen, Behörden und Kommunen anonymisierte Bewerbungsverfahren getestet haben.

Für je 12 Monate haben Deutsche Post, Deutsche Telekom, L´Oréal, Mydays, Procter & Gamble, das Bundesfamilienministerium, die Bundesagentur für Arbeit in Nordrhein-Westfalen und die Stadtverwaltung von Celle neue Wege der Mitarbeiterrekrutierung ausprobiert. Beim Pilotprojekt wurden über 8.500 Bewerbungen anonymisiert eingesehen, 246 Arbeits-, Ausbildungs- und Studienplätze wurden erfolgreich besetzt. Die Stellen reichen von der Lehrlingsausbildung über zu vergebende Studienplätze bis hin zu technischen Berufen oder Jobs im Kundenservice.

Wie funktionieren Bewerbungsverfahren ohne persönliche Angaben?

Wichtig ist, dass die Einladung zum Vorstellungsgespräch ausschließlich aufgrund der Qualifikation erfolgt. Bei anonymisierten Bewerbungen wird daher zunächst auf ein Foto der sich bewerbenden Person, ihren Namen, die Adresse, das Geburtsdatum oder Angaben zu Alter, Familienstand oder Herkunft verzichtet. Abgesehen davon können alle üblichen Informationen abgefragt werden, wie etwa Berufserfahrung, Ausbildung, Motivation, usw. An dieser Stelle gibt es keinen signifikanten Unterschied zu herkömmlichen Lebensläufen – außer dem Verzicht auf Jahreszahlen. In der ersten Auswahlrunde wird der Blick der Personalverantwortlichen ausschließlich auf die Qualifikation der Bewerbenden gelenkt. In der zweiten Phase, wenn die Einladung zum Vorstellungsgespräch ausgesprochen ist, erhalten sie vollständige Unterlagen mit persönlichen Angaben und können sich auf das Gespräch vorbereiten. Sie sitzen also nicht – wie oft angenommen wird – vor einer ihnen völlig unbekannten Person.

Wie können Unternehmen anonymisierte Bewerbungen umsetzen?

Es gibt verschiedene Methoden. Die Anonymisierung muss an die bisherigen Bewerbungsverfahren im Unternehmen angepasst werden. Je nach Arbeitsbereich kann das sehr unterschiedlich aussehen. In unserem Modellprojekt wurden sämtliche Anonymisierungsmethoden getestet und auf ihre Tauglichkeit geprüft.

Grundsätzlich gibt es drei Varianten:

  • anonymisierte Online-Bewerbungsbögen, die passgenau die Kompetenzen, Qualifikationen und Motivation erfassen, die für die Arbeitgebenden wichtig sind,
  • einheitliche, anonymisierte Bewerbungsformulare, die Bewerbende per Download, E-Mail oder Post erhalten und ausgefüllt zurückschicken und
  • die nachträgliche Anonymisierung der herkömmlichen Bewerbungsunterlagen (durch Schwärzen oder Übertragen von Daten).

Aus den Erfahrungen im Pilotprojekt hat die Antidiskriminierungsstelle einen Leitfaden für Arbeitgeber erstellt, den Sie hier herunterladen können.

Wie sieht es im internationalen Vergleich aus?

Viele europäische Länder haben bereits Erfahrungen mit anonymisierten Bewerbungsverfahren gesammelt. Ergebnisse eines Modellversuchs in Schweden haben zum Beispiel gezeigt: Lässt man persönliche Angaben weg, haben Frauen und Menschen mit Migrationshintergrund deutlich bessere Einstiegschancen. In Ländern wie den USA oder Kanada sind anonymisierte Bewerbungen längst gang und gäbe und auch in Belgien sind sie seit Jahren Standard im öffentlichen Sektor. Deutschland hinkt bei diesem Thema bislang hinterher.

Ziele des Pilotprojekts

Statistisch gesehen findet Diskriminierung vor allem in der ersten Phase von Bewerbungsprozessen statt, also vor der Einladung zum Vorstellungsgespräch. Hier muss jedoch Chancengleichheit gegeben sein.

Das Pilotprojekt hat dieses Ziel erfüllt: Mit anonymisierten Bewerbungen haben alle Bewerbenden die gleiche Chance, zu einem Vorstellungsgespräch oder Eignungstest eingeladen zu werden. Die Anonymisierung hilft nachweislich dabei, Diskriminierung abzubauen.

Anonymisierte Bewerbungsverfahren können außerdem helfen, neue Bewerbendengruppen zu erschließen und sicherzustellen, dass Unternehmen die qualifiziertesten Bewerbenden zum Vorstellungsgespräch einladen.

Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes setzt daher auf Freiwilligkeit und Überzeugung, nicht auf gesetzliche Regelungen. Sie will Unternehmen anregen, ihre bisherige Bewerbungskultur zu überdenken. Das Modellprojekt wurde während der gesamten Dauer wissenschaftlich begleitet und ausgewertet. Aus den Ergebnissen wurden Handlungsempfehlungen abgeleitet, die Sie hier lesen können.

Zusatzinformationen

Ein­la­dung zum kos­ten­lo­sen Se­mi­nar

Leit­fa­den für Ar­beit­ge­ben­de: An­ony­mi­sier­te Be­wer­bungs­ver­fah­ren

Flyer "An­ony­mi­sier­te Be­wer­bun­gen - das Pi­lot­pro­jekt"

Ab­schluss­be­richt des Pi­lot­pro­jekts

Kurz­fas­sung des Ab­schluss­be­richts

Zwi­schen­be­richt "An­ony­mi­sier­te Be­wer­bun­gen - das Pi­lot­pro­jekt"

An­ony­mi­sier­te Be­wer­bungs­ver­fah­ren im in­ter­na­tio­na­len Ver­gleich Stu­die des IZA - Lang­ver­si­on

Kurz­ver­si­on der IZA-Stu­die