Antidiskriminierungsstelle des Bundes

05.09.2018 „Sein größter Wunsch war, dass sich junge Menschen einmischen.“ – Zum 100. Geburtstag von Wolfgang Lauinger

Am 5. September 2018 wäre Wolfgang Lauinger 100 Jahre alt geworden. Der Sohn eines jüdischen Vaters, unter den Nationalsozialisten verfolgt und in der Nachkriegszeit erneut wegen seiner Homosexualität in Haft genommen, stritt jahrzehntelang für die Aufhebung der Urteile nach dem schwulenfeindlichen § 175 StGB. Eine Entschädigung nach dem „Gesetz zur strafrechtlichen Rehabilitierung der nach dem 8. Mai 1945 wegen einvernehmlicher homosexueller Handlungen verurteilten Personen“ (StrRehaHomG) blieb ihm jedoch versagt – weil am Ende seiner Haft ein Freispruch stand.

Im Dezember 2017 ist Wolfgang Lauinger gestorben. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes spricht sich für eine Erweiterung der Entschädigungsregelung aus, um auch jenen Menschen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, die wie Wolfgang Lauinger wegen § 175 „nur“ in Untersuchungshaft saßen. Wir haben mit seiner Biografin Bettina Leder über Wolfgang Lauinger gesprochen.

Wolfgang Lauinger Wolfgang Lauinger (1918-2017) Quelle: Ulrike Delfs Wolfgang Lauinger

Frau Leder, welche Bedeutung hat der § 175 StGB für Wolfgang Lauingers Leben gehabt?

Erlauben Sie bitte, dass ich auf diese Frage mit einer längeren Geschichte antworte. Wolfgang und ich haben uns im Jahr 2000 kennen gelernt. Ich habe ihn damals in dem winzigen Dorf besucht, in dem er wohnte, weil ich auf der Suche nach Objekten für eine Ausstellung war, in der es unter anderem um das Schicksal seines Vater, Artur Lauinger, gehen sollte. Wolfgang holte mich am Vormittag in Limburg vom Bahnhof ab, wir setzten uns in sein Auto und begannen sofort zu reden. Er erzählte von Artur, der 1879 als Sohn einer jüdischen Hopfenhändlerfamilie in Augsburg geboren und ein bekannter Redakteur der renommierten Frankfurter Zeitung geworden war; von seiner christlichen Mutter, die die Kinder nach der Trennung der Eltern nicht mehr „Mutter“ nennen durften, weil niemand ihr Alter erraten sollte; von Streitigkeiten mit Herbert, Wolfgangs älterem Bruder, der dem Vater nach 1933 „Blauäugigkeit“ vorgeworfen hatte und 1936 emigrierte; von der Entlassung des Vaters bei der Frankfurter Zeitung und wie er Deutschland um keinen Preis hatte verlassen wollen; wie der Vater schließlich in die Emigration gezwungen worden war und Wolfgang in Frankfurt zurück gelassen hatte: Es war Artur Lauingers Wunsch, dass sein Sohn dem Vaterland dienen sollte, wie er selbst es im 1. Weltkrieg getan hatte: als Soldat der Wehrmacht. Und Wolfgang erzählte von sich selbst: Wie er als „Halbjude“ aus der Wehrmacht entlassen und von den Nazis als Swingkid verhaftet worden war.
Vieles verstand ich damals nicht: Immer wieder nannte sich Wolfgang einen Kriminellen; warum? Ich verstand es lange nicht. Und er erzählte ohne Rücksicht auf ein vorher und nachher; Zeiten verschwammen, Sätze verliefen sich ohne Punkt und Komma in immer neuen Sätzen und anderen Geschichten. Er war ein Erzähler ohne Ruhe, der durch sein Leben zu rennen schien. Wir saßen zwischen Bergen von Dokumenten, die er herbeigeholt hatte und redeten und redeten. Irgendwann fragte er mich, ob ich nicht die Geschichte seines Vaters aufschreiben wolle und als wir uns mitten in der Nacht verabschiedeten, hatte ich das dicke, unveröffentlichte Manuskript der Selberlebensbeschreibung Artur Lauingers unter dem Arm. Sehr aufgewühlt bin ich nach Hause gefahren – aufgewühlt von allem, was ich erfahren hatte, aber auch von dem überwältigenden Gefühl, unerwartet einen neuen Lebensfreund gefunden zu haben.

Offenheit kann ein Versteck sein

Wir haben uns dann sehr oft gesehen und es blieb in gewisser Weise so, wie bei unserer ersten Begegnung: Wolfgang erzählte, ich habe nachgefragt; immer wieder kreisten die Gespräche um bestimmte Details aus Wolfgangs Geschichte: Warum hatte Artur Lauinger seinen Sohn nicht in die Emigration mitgenommen? Immer wieder kehrte er zu dieser Frage zurück. Irgendwann entschieden wir: Ich würde die Geschichte schreiben – aber als Geschichte von Vater und Sohn. Eines Abends im Sommer 2003 nach einem langen gemeinsamen Tag sprachen wir wieder über seinen Vater und dann passierte, was schon so oft passiert war: „Warte mal“, sagte Wolfgang, „Ich muss Dir was zeigen“. Und er rannte los ins obere Stockwerk des Hauses, wo er in vielen Ordnern Dokumente, Fotos und Zeitungsartikel aufbewahrte. Er kam mit einer Akte zurück, blätterte darin, suchte etwas und hielt mir schließlich ein Blatt Papier hin. Ich las und verstand erst einmal nicht, was ich da las: Das Dokument gab unter anderem eine Aussage von Artur Lauinger aus einem Prozess im Rahmen seines Wiedergutmachungsverfahrens wieder. Ich musste es mehrfach lesen, um zu verstehen: De facto hatte Artur Lauinger seinen Sohn in diesem Verfahren eines Verbrechens nach § 175 bezichtigt. Obwohl Wolfgang und ich seit drei Jahren in großer Nähe über sein Leben sprachen und längst enge Freunde geworden waren, wusste ich noch immer vieles nicht. Ich hatte nicht gewusst, dass er homosexuell war. Und ich verstand, dass Offenheit ein Versteck sein kann. Unsere Gespräche begannen damals neu. Wir fingen mehr oder weniger von vorn an. Aber es dauerte noch einmal eine ganze Weile bis ich realisierte, wann Artur Lauinger seine Aussage gemacht hatte – 1950, genau zu der Zeit, als sein Sohn wegen eines vermuteten Verstoßes gegen den § 175 erneut für sieben Monate in dem Gefängnis in Frankfurt saß, in dem er schon unter den Nazis gesessen hatte. Es gab keine Anklageschrift. In seiner Not hatte sich Wolfgang unter anderem an seinen Vater um Hilfe gewandt. Artur Lauinger hat ihm durch einen Anwalt ausrichten lassen, Homosexualität würde es in der Familie Lauinger nicht geben; er habe sich die Suppe selbst eingebrockt, er möge sie auch allein auslöffeln.

Warum war ihm der Einsatz für die Rehabilitierung bis an sein Lebensende so wichtig?

Das hat, glaube ich, verschiedene Gründe. Dass er zu den vielen Menschen gehört, die nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch in der eigenen Familie Verachtung, Distanzierung und sogar Verrat erfahren mussten, war sicher einer davon. Trotz des Verrats hat Wolfgang an seinem Vater immer auf besondere Weise gehangen, er hat ihn geliebt und sehr verehrt. Und auch wenn Artur Lauinger schon zu Beginn der 60er Jahre gestorben ist, ist es – glaube ich – für Wolfgang doch so gewesen, dass er mit der Rehabilitierung auf die Wiederherstellung seiner Ehre insbesondere gegenüber seinem Vater hoffte.
Dass die Rehabilitierung ihm so wichtig war, hat aber auch mit Wolfgangs Charakter zu tun: Was er vielleicht am meisten hasste, waren Zwänge aller Art. Oft habe ich gedacht: So ist er auf die Welt gekommen - als ein Rebell, der sich Autoritäten und Zwängen widersetzt. Er hat immer ein Leben gesucht, in dem er leben konnte, wie er es wollte – und er hat es sich geschaffen. Wolfgangs wichtigste Werte waren, glaube ich, Freiheit und Solidarität.

Wolfgang Lauinger selbst hat keine Entschädigung nach dem StrRehaHomG erhalten, weil er zwar angeklagt, aber nicht verurteilt wurde. Wie hat er auf diese Nachricht reagiert?

Im Frühjahr 2017 hat der damalige Bundesjustizminister Maas ihn eingeladen: Wolfgang sollte zusammen mit ihm und anderen Verfolgten an einer Gedenkveranstaltung am Homosexuellen-Mahnmal in Berlin teilnehmen, dort auch sprechen und anschließend zur ersten Lesung des Rehabilitierungsgesetzes in den Bundestag gehen. Wolfgang konnte die Einladung nicht wahrnehmen, aber er hat sich sehr darüber gefreut. Und sie war für ihn zugleich ein Abschluss: Spätestens von diesem Moment an hat er keine Sekunde lang daran gezweifelt, dass er und alle anderen nun rehabilitiert werden würden. So sehr er sich für dieses Gesetz engagiert hatte – er war ein Mensch, der sich nicht weiter mit dem befasste, was „erledigt“ war. Er fing an, sich verstärkt mit den politisch-historischen Hintergründen der Zeit nach 1945 zu beschäftigen: Er wollte verstehen, wie es überhaupt dazu hatte kommen können, dass der menschenrechtswidrige und von den Nationalsozialisten verschärfte Paragraph so lange in einer Demokratie hatte bestehen können; es ging ihm um die Kontinuität in der bundesdeutschen Justiz nach 1945. Als dann die Ablehnung kam, war es ein Schlag ins Gesicht. Er ist still geworden und in einer tiefen Depression versunken. Ich hatte ihn so nie gesehen.

Wie würden Sie Wolfgang Lauingers Vermächtnis beschreiben? Was würde er sich für junge LSBTI* wünschen?

In den letzten beiden Jahren hat Wolfgang manchmal zu mir gesagt: Wenn ich nicht mehr bin, machst Du weiter. Mit weiter machen meinte er: Sich einsetzen gegen Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus, Homophobie; gegen alte und neue Nazis kämpfen; aufklären: Wo kommen wir her? Wolfgang hat ganz tief gewusst und empfunden, dass Demokratie nichts Fertiges ist, das geschaffen wird und dann besteht, sondern dass man immer weiter um sie kämpfen, dass sie sich entwickeln muss. Er hat nicht verstanden, dass so viele Menschen in unserem Land auf dem Sofa sitzen und zusehen. Und sein größter Wunsch war, dass sich junge Menschen einmischen. Deshalb vor allem hat er seine Geschichte zu erzählen begonnen: Er wollte eine Geschichte erzählen, die davon handelt, weshalb man sich engagieren muss. Das war sein größter Wunsch an uns alle.

Bettina Leder ist seit 1992 freie Mitarbeiterin des Hessischen Rundfunks. 2015 erschien ihr Buch „Lauingers. Eine Familiengeschichte aus Deutschland“ im Verlag Hentrich & Hentrich.


Aus Anlass von Wolfgang Lauingers 100. Geburtstag findet am 23. September im Frankfurter Gallus Theater eine Gedenkveranstaltung statt. Karten für die Veranstaltung können beim Gallus Theater kostenlos bestellt werden.

Ausführliche Informationen zum § 175 StGB finden Sie hier.