Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Willkommen, bitte!

Deutschlands Behörden haben Angst vor Vielfalt
Von Andreas Merx

Datum 22.10.2013

Deutschland öffnet sich. Mehr und mehr wird der Arbeitsmarkt für internationale Fachkräfte zugänglich gemacht, und auch in der Einwanderungs- und Integrationspolitik wird eine "Willkommenskultur" angemahnt – ob für die Aufnahmegesellschaft allgemein oder im Besonderen für ihre relevanten Institutionen. Doch noch immer spiegelt sich der Anteil von Zugewanderten
nicht durchgängig in den Verwaltungen wider. Die OECD hat es Deutschland erst kürzlich wieder ins Stammbuch geschrieben: In keinem anderen Industrieland sind die Nachkommen von Migrantinnen und Migranten im öffentlichen Sektor so stark unterrepräsentiert wie in Deutschland.

Ein anderer Befund hängt damit unmittelbar zusammen: In zahlreichen Studien und Befragungen geben Migrantinnen und Migranten an, die meisten Diskriminierungserfahrungen in den Bereichen Ämter und Behörden gemacht zu haben. Ohne den Abbau von Vorurteilen, Diskriminierungen und Rassismus ist aber keine Wertschätzung von Vielfalt möglich. Wenn Willkommenskultur tatsächlich mehr sein soll als eine reine Marketingkampagne zur Sicherung des Fachkräftebedarfs, dann brauchen wir eine nachhaltige interkulturelle Öffnung aller Behörden und Institutionen. Einigen Behörden fällt das leicht, weil sie die Vorteile von Vielfalt schon lange erkannt haben – einigen anderen fällt es schwerer, weil Migration und Zuwanderung eher im Kontext von innerer Sicherheit oder Staatsbürgerschaft gesehen werden.

Was tut not? Zunächst einmal sollten sich Behörden und Institutionen einem Diversity-Check unterziehen. In einem solchen Check sollten alle internen Richtlinien und bestehenden Personal- und Organisationsprozesse auf ggf. benachteiligende Effekte oder Potentiale zur Förderung von Vielfalt untersucht werden. Dazu gehört z. B. die Analyse von Barrieren und möglichen
positiven Veränderungen bei Stellenausschreibungen, Auswahlgesprächen, Personalentwicklung, Weiterbildung und Beförderung im Hinblick auf Alter, Behinderung, ethnische Herkunft, Geschlecht, Religion/Weltanschauung und sexuelle Identität.

Für die Mitarbeitenden des öffentlichen Dienstes brauchen wir mehr Antidiskriminierungs- und Diversity-Kompetenz als verbindliches Element der beruflichen Aus- und Weiterbildung – etwa durch Trainings. Hier liegt ein guter Schritt zur Sensibilisierung und Aktivierung für mehr Vielfalt und eine echte Willkommenskultur. Den Teilnehmenden kann dabei ein stärkeres Bewusstsein für die vorhandene bzw. nicht vorhandene Vielfalt und die damit verbundenen Chancen und Defizite in der Verwaltung und im Handeln nach außen vermittelt werden.

Schließlich brauchen wir mehr positive Maßnahmen zum Ausgleich noch bestehender Nachteile oder Unterrepräsentationen sowie zur gezielten Förderung von Mitarbeitenden mit Migrationshintergrund. Viele kommunale Verwaltungen haben z. B. mit viel Erfolg Azubi-Kampagnen zur Erhöhung des Anteils der Auszubildenden mit Migrationshintergrund initiiert und sich gleichzeitig auf die Erreichung von Zielquoten selbstverpflichtet. Solche und weitere praxiserprobte Maßnahmen könnten leicht auch von Ausländerbehörden oder Konsulaten übernommen werden.

Eine lebendige Willkommens- und Antidiskriminierungskultur in deutschen Behörden könnte ein echter Beitrag für ein weltoffenes und vielfältiges Deutschland sein. Werden die Themen Diskriminierung, Rassismus ausgeblendet, droht Deutschland mittelfristig ein – wie in den USA vor Jahren in Bezug auf den Unternehmenskontext diskutierter – "Diversity-Burnout".

Andreas Merx ist Politik- und Organisationsberater mit den Themenschwerpunkten Diversity, Antidiskriminierung und Integration. Seit 2005 ist er Inhaber des Berliner Beratungsunternehmens pro diversity. Andreas Merx Andreas Merx ist Politik- und Organisationsberater mit den Themenschwerpunkten Diversity, Antidiskriminierung und Integration. Seit 2005 ist er Inhaber des Berliner Beratungsunternehmens pro diversity. Quelle:  Privat