Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Unterschiede, die einen Unterschied machen. Eine interaktive Ausstellung zu Diskriminierung und Teilhabe

Anfang 08.04.2011
Rednerin Christine Lüders

Feierliche Ausstellungseröffnung im Neuen Rathhaus Leipzig am 8. April 2011

(Es gilt das gesprochene Wort)

Sehr geehrte Besucherinnen und Besucher,

ich freue mich sehr, dass Herr Bartel mich vor einigen Monaten gefragt hat, ob ich heute zur Eröffnung der Ausstellung vor Ihnen reden will. Ganz besonders deswegen, weil es hier um ein Thema geht, das mir als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes besonders am Herzen liegt.

„Unterschiede, die einen Unterschied machen“, unter diesem Titel fragen sich die Macherinnen und Macher der Ausstellung, wo Teilhabe aufhört und Diskriminierung anfängt. Das ist ein Thema, dass viele von uns hier täglich beschäftigt.

Und nicht nur uns. Leider werden täglich Menschen in Deutschland mit diskriminierenden Äußerungen konfrontiert. Das können stichelnde Bemerkungen sein. Das kann aber auch eine massive Ausgrenzung im Berufs- und Lebensalltag sein. Jemand, der aufgrund seiner Hautfarbe den Job nicht bekommt, oder wegen ihres Kopftuchs gemobbt wird. Diskriminierung kann so viele Formen annehmen.
Oft wissen Betroffene nicht, wohin mit ihren Erlebnissen. In Deutschland ist es leider nicht immer leicht, eine Anlaufstelle zu finden. Es sind zahlreiche „weiße Flecken“ in der Beratungslandschaft - gerade in Ostdeutschland. Das zeigt unsere Umkreissuche, die die Antidiskriminierungsstelle des Bundes auf ihrer Internetseite zur Verfügung stellt. Die dünne Besetzung gilt vor allem für die merkmalsübergreifende Arbeit. Wie Sie ja wissen, schützt das AGG vor Diskriminierung aufgrund von ethnischer Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität. Gerade einmal 13 Beratungsstellen arbeiten in Deutschland zu allen diesen Merkmalen – also nicht nur zum Beispiel für Frauen oder Menschen mit Behinderung.

Und eine dieser 13 Stellen ist das Antidiskriminierungsbüro Sachsen (ADB). Aus diesem Grund war ich völlig überrascht und entsetzt, als ich hörte, dass das ADB Sachsen in seiner Existenz bedroht ist. Und wie viele von Ihnen hier bin auch ich sehr glücklich darüber, dass dem ADB die Gelder nicht gestrichen werden. Und dass die Stadt Leipzig so die großartige Antidiskriminierungsberatung zumindest für 2011 gesichert hat. Eine dauerhafte Lösung des Finanzierungsproblems gibt es leider noch nicht. Damit teilt das ADB-Sachsen ein Schicksal, das viele Beratungsstellen in Deutschland kennen: Die finanziell ungewisse Zukunft.

Ich habe mir deshalb schon bei meinem Amtsantritt überlegt: Wie können wir Beratungsstellen in Deutschland dabei unterstützen, Menschen zu helfen, die Diskriminierung erleben? Und zwar in ganz Deutschland: Also nicht nur in Berlin, Hamburg und München, sondern auch fernab der Ballungszentren in Niederbayern, im Schwarzwald, Mecklenburg und in Sachsen.

Ein großer Teil der vorhandenen Beratungsstellen konzentriert sich außerdem allein auf eine Zielgruppe oder lediglich eines der im AGG geschützten Diskriminierungsmerkmale. Selbst wenn es Anlaufstellen gibt, wissen die einzelnen Stellen oft nicht, welche anderen Beratungsangebote es in ihrer Nähe vielleicht noch gibt.

Dies kann im Einzelfall bedeuten, dass sich etwa eine behinderte Muslima oder ein homosexueller Rollstuhlfahrer an mehrere verschiedene Stellen wenden müssen – ohne dass ihnen ein Lotse dabei hilft, die richtigen Ansprechpartner zu finden. Der ADB Sachsen ist wie gesagt eine der wenigen Beratungsstellen in Deutschland und die einzige in Sachsen, die den horizontalen Ansatz verfolgt. Menschen, die sich diskriminiert fühlen, finden hier eine zentrale Anlaufstelle. Mein Ziel ist es, dass von Diskriminierung betroffene Menschen solch gute Voraussetzungen in ganz Deutschland vorfinden können.


Deshalb haben wir im Februar unsere „Offensive für eine diskriminierungsfreie Gesellschaft“ gestartet. Die Offensive besteht aus mehreren Bausteinen, die ich Ihnen genauer vorstellen möchte:

1. Wir wollen Beratungsstellen anregen, sich zu vernetzen. Das kostet Geld und deshalb geben wir ihnen dafür Geld – und zwar in der laufenden Legislatur 1,2 Millionen Euro.
2. Wir wollen die Zusammenarbeit mit Ländern und Kommunen im Bereich Diskriminierungsschutz und Gleichbehandlung ausbauen. Dafür planen wir eine „Koalition gegen Diskriminierung“.
3. Viele Menschen kennen ihre Rechte nicht. Deshalb wollen wir die Bevölkerung für das Thema sensibilisieren und Betroffene informieren, wie sie sich aktiv gegen Diskriminierung zur Wehr setzten können.

Was heißt das im Einzelnen? Zur Förderung der Beratungsstellen: Um die Lücken in der Beratungslandschaft zu schließen fördern wir Beratungsstellen, die sich zu lokalen Netzwerken gegen Diskriminierung zusammenschließen, welche im Idealfall zu allen Diskriminierungsgründen beraten können. Bereits horizontal arbeitende Beratungsstellen werden wir in ihrer Öffentlichkeitsarbeit unterstützen und ihnen Qualifizierungsangebote anbieten.

Zur Zusammenarbeit mit Ländern und Kommunen: Diskriminierung ist eine Herausforderung für die ganze Gesellschaft. Eine nachhaltige Unterstützung von Betroffenen ist daher ohne ein starkes Engagement der Länder und Kommunen nicht zu bewältigen.

Wir wollen deshalb noch enger als bisher mit Ländern und Kommunen zusammenarbeiten und eine „Koalition gegen Diskriminierung“ ins Leben rufen. Ziel dieser Koalition ist es, zentrale Ansprechpartner in Ländern und Kommunen zu gewinnen, mit denen gemeinsame Strategien gegen Diskriminierung entwickelt werden. Der Staat hat die Aufgabe, mit gutem Beispiel voran zu gehen und Schlagwörter wie „interkulturelle Öffnung“ oder „Vielfalt“ mit Leben zu füllen.

Deshalb haben wir in Zusammenarbeit mit der "Arbeitsstelle Vielfalt" in der Justizbehörde Hamburg und der "Landesstelle für Chancengleichheit – Brandenburg" das Projekt "Chancen gleich(-heit) prüfen - Diversity Mainstreaming in der Verwaltung" gestartet.

Zur Information und Sensibilisierung der Gesellschaft: Unsere Sinus-Milieu-Studie „Diskriminierung im Alltag“ hat gezeigt, dass sich jeder dritte Bürger bzw. jede dritte Bürgerin in Deutschland schon einmal benachteiligt oder diskriminiert gefühlt hat. Aber nur wenige kennen das AGG.

Wir wollen deshalb mit gezielter Öffentlichkeitsarbeit über Erscheinungsformen von Diskriminierung aufklären und den Menschen ihre Rechte bewusst machen. Dazu planen wir öffentliche Veranstaltungen, erstellen Informationsmaterial und Handreichungen. Auch das ADB Sachsen hat sich zum Ziel gesetzt, Menschen auf Diskriminierungsformen aufmerksam zu machen. Hier setzt die Ausstellung an. Sie richtet sich neben dem Fachpublikum auch an den so genannten Durchschnittsbürger. Viele haben sich noch nicht bewusst mit dem Thema befasst. Oder damit, dass sie selbst schon diskriminiert worden sind oder gar selbst mal der oder die „Diskriminierende“ waren.
Die Ausstellung ermöglicht mit ihrem interaktiven Konzept eine intensive und persönliche Auseinandersetzung mit dem Thema. Sie lässt uns eigene Denkweise und Erfahrungen überdenken.

Besonders interessant finde ich den Ansatz, Diskriminierung aus verschiedenen Blickwinkeln zu betrachten:
• als potentiell betroffener Mensch
• als Mensch, der andere Menschen diskriminiert und
• als der oder die Beobachterin.

Für ein gutes Miteinander ist der Versuch sich in den oder die Andere hinein zu versetzen wichtig. Das ist gerade auch beim Thema Diskriminierung der Fall. Wem es gelingt die Situation aus einer anderen Perspektive zu betrachten, bringt Verständnis für das Verhalten einer anderen Person auf.

Nun bin ich heute hier in meiner Funktion als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Lassen Sie mich deshalb zwei, drei Sätze zur Arbeit der ADS sagen:
Unser gesetzlicher Auftrag lautet kurz gesagt,
• Menschen zu beraten,
• sie über ihre Rechte aufzuklären
• und Projekte zu starten, die dabei helfen, Diskriminierung abzubauen.

Unsere Kernaufgaben lauten:
• Beratung
• Öffentlichkeitsarbeit
• und Forschung

Für jeden Bereich gibt es ein Fachreferat, insgesamt haben wir 25 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Inklusive Personalkosten stehen uns für die Erledigung all dieser Aufgaben insgesamt 2, 6 Millionen Euro im Jahr zur Verfügung.

Für uns, und damit meine ich alle, die sich täglich in der Antidiskriminierungsarbeit engagieren, gibt es noch viel zu tun. Und am besten schaffen wir das gemeinsam. Deshalb freue ich mich, dass wir diesen schönen Anlass nutzen, um uns noch besser kennen zu lernen, Kraft zu geben und auszutauschen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit und dem ADB Sachsen für die Organisation dieser Veranstaltung.

Ich wünsche Ihnen allen viel Spaß bei der Ausstellung und spannende Erkenntnisse!