Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Grußwort
von Christine Lüders
Auftakt-Pressekonferenz zum Themenjahr „Im besten Alter. Immer.“ gegen Altersdiskriminierung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

am 23. Januar 2012 in Berlin

Anfang 23.01.2012
Rednerin Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes

geSehr geehrte Damen und Herren,
liebe Botschafterinnen und Botschafter,
lieber Herr Dr. Temming,

noch nie gab es eine so gesunde, aktive, gebildete und materiell wohlhabende Generation 60plus. Doch in Schlagzeilen wie „Methusalem-Komplott“, wie „Altersfalle“ oder „Überalterung“: weit und breit dominieren die negativen Altersbilder. Und sie prägen unsere Wirklichkeit: Warum nur wird der 50-jährige Informatiker nicht mehr eingestellt, obwohl er hochqualifiziert ist, über langjährige Berufserfahrung verfügt und viele Unternehmen händeringend Fachkräfte suchen?

Ich freue mich zwar darüber, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Erwerbstätigen bei den 55- bis 64-Jährigen gestiegen ist; die Quote liegt derzeit bei 56 Prozent. Das reicht aber noch lange nicht aus. So liegt die Quote der Frauen unter den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in diesem Alter bei nur 45 Prozent. Auch bei den Langzeitarbeitslosen dominiert die Gruppe der über 55-Jährigen. Und nach Erkenntnissen des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung beschäftigen fast 60 Prozent aller Unternehmen keine Mitarbeiter, die älter als 50 Jahre sind.
Ich sage ganz deutlich: Diese Praxis diskriminiert die Älteren und überfordert die Jungen. Und noch mehr: Durch Altersdiskriminierung ergeben sich gewaltige Kosten für die Gesellschaft, etwa durch die mangelnde Nutzung der Potenziale einiger Altersgruppen auf dem Arbeitsmarkt. Dabei sind sich Wissenschaftler und Praktiker seit Jahren einig, dass altersgemischte Teams die Produktivität massiv steigern.

Nicht nur im Berufsleben erleben wir Diskriminierungen, sondern häufig auch beim Abschluss von Geschäften: Da verweigern Krankenkassen älteren Versicherten eine Heilbehandlung, da verwehren Banken älteren Kunden trotz Sicherheiten in Form von Immobilien oder Lebensversicherungen einen Kredit

Das sind keine Einzelfälle: Jeder fünfte Deutsche hat nach einer aktuellen Forsa-Umfrage schon einmal Altersdiskriminierung erlebt.
Übrigens: Diskriminierung gibt es auch im jungen Alter – dann etwa, wenn junge Menschen alleine wegen ihres Alters bei Beförderungen außen vor gelassen werden, obwohl sie die alle Qualifikationen mitbringen. Vielleicht auch aus diesem Grund haben 29 Prozent aller jüngeren Befragten unserer Umfrage gesagt, sie hätten Altersdiskriminierung schon einmal erlebt. Jeder fünfte Beratungsfall bei der ADS seit 2006 betrifft das Alter; 1500 Beratungsanfragen zu dem Thema haben uns bereits erreicht.

Viele Menschen wissen nicht, dass es ein Gesetz gibt, das vor Diskriminierungen schützt: Seit 2006 ist das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz in Kraft, dort ist Alter ausdrücklich ein Diskriminierungsmerkmal. Viele Menschen kennen auch keine Anlaufstellen, wo sie Unterstützung und Beratung finden. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes legt daher 2012 einen Schwerpunkt auf das Thema Alter und hat das Jahr unter dem Motto: „Im besten Alter. Immer.“ zum Themenjahr gegen Altersdiskriminierung erklärt. Wir wollen dabei nicht anklagen, sondern wir wollen ermutigen, aufklären und Verbesserungsvorschläge machen.

Ermutigen wollen wir, indem wir Good Practice von Unternehmen auszeichnen und gemeinsam mit der Bundesagentur für Arbeit einen Preis ausloben für Unternehmer und Unternehmen, die in vorbildlicher Weise Ältere berücksichtigen, etwa mit altersgemischten Teams. Wir wollen einen Leitfaden für Unternehmer entwickeln und mit einfachen Beispielen zeigen, wie es besser geht.

Ermutigung braucht Vorbilder, nicht nur in den Unternehmen. Ich bin sehr froh, dass wir so großartige Botschafter gefunden haben, die unserem Anliegen ein Gesicht geben und uns bei vielen kleinen und großen Initiativen während unserer Aktionswoche vor dem EU-Tag der Generationengerechtigkeit am 29. April unterstützen werden. Sie alle setzen sich dafür ein, dass auch in Zukunft die Jüngeren ein Alter in Würde führen können – und wir alle sensibler werden, wenn es um Altersdiskriminierung geht.

Wir wollen ermutigen, wir werden aber auch aufklären. Bei einer deutschlandweiten Umfrage mit unseren Partnern von KDA und BAGSOBundesarbeitsgemeinschaft der Senioren-Organisationen bei Verbänden, Gewerkschaften und Verbraucherschützern haben wir herausgefunden, dass viele Menschen Fragen zu Altersdiskriminierung haben und gleichzeitig nicht wissen, an wen sie sich wenden können.

Wir wollen ermutigen, aufklären – aber auch Verbesserungsvorschläge machen. Einen will ich gleich nennen: Ich glaube, dass der Schutz vor Altersdiskriminierung ins Grundgesetz gehört und halte es für bedauerlich, dass der Gesetzgeber bislang keinen Anlass zu einer Erweiterung des Grundrechtekatalogs gesehen hat.

Dabei wäre eine Aufnahme des Diskriminierungsmerkmals „Alter“ in Artikel 3 eine naheliegende und sehr sinnvolle Ergänzung des Grundgesetzes,
-       damit Alter nicht zur „zweiten“ Klasse gegenüber anderen Merkmalen wie Geschlecht, Behinderung oder ethnischer Herkunft wird,
-       weil sie dem demografischen Wandel in unserem Land Rechnung trägt
-       und weil sie genau dort, wo man es auch erwartet, ein klares Signal des Staates gegen Altersdiskriminierung setzen würde, das auch Folgen für die Rechtsprechung und das staatliche Handeln hätte. In Europa kennen die Verfassungen der Schweiz, Finnlands und Schwedens bereits ein Diskriminierungsverbot des Alters in ihren Verfassungen.

Ein weiterer Bereich, wo wir etwas tun müssen, ist die Vielzahl fragwürdiger Altersgrenzen. Hierzu wird gleich Herr Dr. Temming etwas sagen. Es gibt weitere Bereiche, in denen Handlungsbedarf besteht – zum Beispiel bei Banken und Versicherungen, bei der Frage nach festen Renteneintrittsgrenzen.
Um in diesen und weiteren Handlungsfeldern konkrete Empfehlungen gegen Altersdiskriminierung unterbreiten zu können, habe ich eine Kommission einberufen, die bis zum Ende des Jahres ihren Bericht vorlegen wird. Die Kommission setzt sich aus Vertreterinnen und Vertretern aus der Wissenschaft, den Tarifparteien, Fachorganisationen und der Politik zusammen. Ich bin sehr froh, dass wir Bürgermeister a.D. Herr Dr. Henning Scherf dazu gewinnen konnten, den Vorsitz dieser Kommission zu übernehmen. Herr Scherf: Vielen Dank!

Bevor wir von Ihnen und von den weiteren Botschafterinnen und Botschaftern hören, warum sie sich gegen Altersdiskriminierung engagieren, gebe ich das Wort an Dr. Felipe Temming, der ausführlicher auf das Problem der Altersgrenzen und auf unsere Forsa-Umfrage verweisen wird. Vielen Dank.