Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Grußwort von Christine Lüders bei der Office opening party of Transgender Europe

Anfang 15.04.2014
Ende 15.04.2014

Sehr geehrte Frau Dr. Julia Ehrt,
liebe Teilnehmende,

ich freue mich sehr darüber, heute das Büro von Transgender Europe als Gast mit zu eröffnen.

Kaum zu glauben, was Transgender Europe in den vergangenen Jahren ohne ein permanentes eigenes Büro geleistet hat. Deshalb freue ich mich besonders, heute hier in diesen wunderbaren Räumlichkeiten zu Gast zu sein. Außerdem freue ich mich mit Ihnen, dass dieser Zusammenschluss von mehr als 80 Mitgliedsorganisationen nun endlich eigene Räume hat.

Sie können wahrlich stolz darauf sein, was Sie bisher geleistet haben: Sie stehen beim Einsatz für die Belange von Trans*-Menschen in ganz Europa in vorderster Reihe. Sie legten das Fundament für den so wichtigen Aufbau einer Trans*-"Community".Sie sensibilisieren die Öffentlichkeit für die Belange von Trans*-Personen. Und nicht zuletzt: Sie sind eine bedeutende Stimme in Berlin und Brüssel für die Weiterentwicklung der Rechte von Trans*Personen. Einen dauerhaften Ort für diese entscheidende Arbeit haben Sie sich nun wirklich verdient!

Für die, die mich noch nicht kennen, will ich ganz kurz erklären, wer ich bin und was wir tun: Ich leite seit 2010 die Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Deutschlands unabhängige Behörde für Gleichbehandlung.Die ADS, wie sie kurz genannt wird, ist im Zuge des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes entstanden. Das Gesetz hat zum Ziel, Diskriminierung abzubauen und zu verhindern – sei es aufgrund der ethnischen Herkunft, des Geschlechts – Trans*-Personen eingeschlossen -, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Orientierung.

In erster Linie sind wir eine Beratungsstelle. Wir beraten jede Person, die sich aufgrund der genannten Merkmale diskriminiert sieht. Daneben vergeben wir Forschungsaufträge zu Diskriminierungsthemen. Unser drittes Standbein ist die Öffentlichkeitsarbeit, mit der wir die Bevölkerung zu allen Themen rund um Diskriminierung sensibilisieren und über ihre Rechte aufklären wollen. Wir sind leider nur eine kleine Behörde. Umso stolzer sind wir darauf, zu den ganz wenigen öffentlichen Institutionen in Deutschland – und Europa – zu gehören, die sich ganz ausdrücklich mit den Rechten von Trans*-Personen befassen und sich für sie einsetzen.

Bis heute gibt es nur sehr wenige Studien, die sich mit der alltäglichen Lebenswirklichkeit von Trans*-Menschen beschäftigen. Wir haben ein wenig dazu beitragen können, dass sich das ändert: In der Vergangenheit haben wir einerseits eine Studie unterstützt, die sich mit Gewalt gegen lesbische und bisexuelle Frauen sowie Trans*-Menschen befasst. Daneben haben wir eine umfassende Studie zur Situation von Trans*-Personen am Arbeitsplatz herausgegeben.

Derzeit unterstützen wir ein – noch in Arbeit befindliches – Internetportal für junge Trans*-, Inter- und genderqueere Jugendliche. "Meingeschlecht.de" – so heißt das Portal – soll ein Ort sein, an dem sich junge Menschen austauschen und Unterstützung finden können. Das Portal ist auch deswegen so wichtig, weil Jugendliche hier ihre eigene Lebenswirklichkeit sichtbar machen können und so ihr Selbstbewusstsein stärken können. Zugleich trägt die Internetplattform aber auch zur Sensibilisierung dafür bei, dass es hier um vielfältige und ganz unterschiedliche junge Menschen geht.

Und es dient der "Depathologisierung". Ich finde es entsetzlich, dass Trans-Identitäten immer noch als psychische Krankheiten gewertet werden! Was natürlich nicht heißen soll, dass eine Änderung zum Anlass genommen werden sollte, Menschen benötigte medizinische Hilfe zu verweigern. Nein, es braucht einen freien Zugang zu Hormonbehandlungen und Chirurgie -ohne grausame Absurditäten wie psychiatrische Vormundschaften. Und zwar überall, zum Beispiel auch im Justizvollzug, in dem Trans*-Menschen immer wieder ihre Rechte verweigert werden.

Anlässlich unseres Treffens hier und heute möchte ich nun noch kurz sagen, welche Wünsche und Hoffnungen ich für Ihre Arbeit habe und wo wir Sie inhaltlich unterstützen.Dafür einige - leider deprimierende -Zahlen aus Deutschland als Hintergrund, die symptomatisch auch für andere europäische Länder stehen können: Bis zu der Hälfte aller Trans*-Personen in Deutschland sind arbeitslos, bis zu 30 Prozent verlieren ihren Job wegen ihrer Trans*-Identität. Dazu kommen ausgesprochen starke und verletzende Diskriminierungen auf allen Ebenen, sei es im Beruf oder in der Freizeit, in der Schule oder Ämtern und Behörden. Diese sind für viele so alltäglich, dass sie schon fast als Schicksal hingenommen werden. Das dürfen wir nicht zulassen! Das Ziel muss ein europaweiter rechtlicher Rahmen sein, der jede Form von Gewalt und Diskriminierung gegenüber Trans*- und Inter-Personen verhindert. Dazu gehört natürlich zuallererst die Abschaffung von Zwangssterilisationen zur Anerkennung der geschlechtlichen Identität einer Trans*-Person, wie sie leider in zwei Dutzend europäischen Staaten noch üblich ist. Eine schwere Menschenrechtsverletzung, die endlich beendet werden muss!

Generell braucht es dringend eine leichtere, schnellere und transparente rechtliche Anerkennung des selbst gewählten Geschlechts. Nicht nur in Deutschland lassen die bisherigen Regelungen zur Personenstandsänderung noch sehr zu wünschen übrig. Selbstbestimmung ist hier das Schlüsselwort und sollte Leitbild für alle rechtlichen Maßnahmen sein! Und: Nur so können erzwungene Outings und Diskriminierung im Arbeitsleben und beim Zugang zu Dienstleistungen verhindert werden. Es gibt absolut keinen Grund, warum den diesbezüglichen Empfehlungen des Ministerrats von 2010 hier nicht endlich Folge geleistet wird!

Ich wünschte auch, dass ich Ihnen hier heute deutlich mehr Erfolgsgeschichten aus Deutschland auflisten könnte, die zeigen, wie sich Institutionen und Amtsträger_innen für Trans*-Belange einsetzen. Und das nicht nur mit der Kraft der Worte, sondern auch kräftiger finanzieller Unterstützung!

Es ist äußerst erfreulich, dass Transgender-Europe seit diesem Jahr auch substanzielle Förderung durch die EU erhält. Alles andere als erfreulich ist, dass bis dahin die Niederlande das einzige EU-Land waren, das Sie nennenswert in Ihrer Arbeit gefördert hat. Stattdessen mussten sie vor allem auf Mittel aus Nordamerika setzen, um diese so wichtige europäische Vereinigung am Leben zu erhalten. Ich versichere Ihnen, dass ich mit unseren Möglichkeiten weiter die Werbetrommel für Sie rühren werde, damit Sie dauerhaft die Anerkennung erhalten, die Sie verdienen!

Ganz zum Schluss muss ich noch kurz die Rolle wechseln: Equinet, das europäische Netzwerk der Gleichbehandlungsbehörden, hat mich gebeten, in ihrem Namen und als langjähriges Mitglied einige Worte zu verlieren: Auch die 41 Equinet-Mitglieder, der Vorstand und das Brüsseler Sekretariat freuen sich sehr über die Eröffnung ihrer neuen Büroräume. Ja, sie halten das für eine vielversprechende und Hoffnung machende Entwicklung, die zur Sichtbarmachung von Trans*-Belangen einiges beitragen wird. Equinet sieht Transgender Europe als wichtigen strategischen Partner an und wünscht viel Erfolg!

Damit will ich hier schließen. Ich weiß, ich habe viele schmerzliche Themen angesprochen. Darüber darf aber nicht vergessen werden, dass es heute wirklich einen Grund zu feiern gibt und einen Grund, optimistisch in die Zukunft zu schauen. Ich freue mich jetzt mit Ihnen auf eine Präsentation der Arbeit von Transgender Europe und die anschließende wohlverdiente Feier.

Vielen Dank!