Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Grußwort von Christine Lüders auf der Fachtagung "Muslimische Feminismen" im DGB Bildungswerk Hessen e.V.

Anfang 15.11.2015

Sehr geehrte Frau Tesfamariam,
sehr geehrte Frau Sariaydin,
sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Teilnehmende!

Feministin sein und Muslimin sein: Dass das zusammengeht, ist für viele immer noch eine Überraschung. Und der Grund dafür liegt nicht an den Musliminnen selbst – nein: Der Grund dafür liegt darin, dass immer noch viel zu oft ÜBER, aber nicht MIT muslimischen Frauen gesprochen wird.

Diese Fachtagung macht das anders – hier kommen muslimische Frauen zu Wort und werden gehört. Denn es ist immer noch, und immer wieder, notwendig zu zeigen: Muslimische Frauen sind selbstverständlich auch politisch und emanzipiert handelnde Personen.

Sie sind – natürlich! - Frauen, die sich ihre eigenen Gedanken machen – und zwar viele höchst unterschiedliche Gedanken. Denn so wenig es den einen "westlichen" oder gar "deutschen" Feminismus gibt, so wenig gibt es den einen muslimischen Feminismus.

Ich freue mich, als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes diese Tagung mit einem Grußwort mit eröffnen zu können. Denn sie passt hervorragend in das Themenspektrum, mit dem wir uns gerade schwerpunktmäßig befassen: Wir befinden uns gerade am Ende unseres Themenjahres "Gleiches Recht. Jedes Geschlecht." gegen Geschlechterdiskriminierung. Und wir stehen an der Schwelle zu unserem kommenden Themenjahr gegen die Diskriminierung aufgrund von Religion und Weltanschauung.

Meine Damen und Herren, Sie wissen, dass muslimische Frauen oftmals unter einer doppelten Diskriminierung zu leiden haben: Als Muslimin und als Frau. Es ist wichtig, das auf einer Tagung wie dieser anzusprechen. Denn ich sehe ein Treffen wie heute als starkes Zeichen für "Empowerment", für Vernetzung und gegenseitige Unterstützung. Aber eine solche Stärkung funktioniert nur, wenn zugleich Diskriminierung ein Ende gesetzt werden kann.

Hier haben wir noch viel zu tun: Wie tief verankert Vorurteile sind, erfährt das Beratungsteam der Antidiskriminierungsstelle immer wieder – insbesondere wenn es um muslimische Frauen mit Kopftuch geht. Sie machen in Deutschland fast ein Drittel aller muslimischen Frauen aus, also eine stattliche Größe.

Statt eine so große Gruppe aber in all ihrer Unterschiedlichkeit wahrzunehmen, werden viele Frauen mit Kopftuch in ein Schema gepresst: Das der unterdrückten Frau, die ihr Kopftuch als ein politisches Statement trägt, statt als Ausdruck gelebter Religionsfreiheit. Und dieses simple Bild hat leider deutliche Auswirkungen: Nehmen Sie nur das Beispiel Arbeitsmarkt. Unsere Beraterinnen und Berater berichten von Fällen, in denen Frauen mit Kündigung gedroht wird, wenn sie das Kopftuch nicht ablegen. Oder Frauen erhalten Stellen gar nicht erst, völlig ungeachtet ihrer Qualifikation.

In einer Umfrage unter Ausbildungsbetrieben in Südwestdeutschland haben 41,7 Prozent der Personalverantwortlichen gesagt, dass sie keine Muslimin mit Kopftuch einstellen würden, auch wenn diese qualifiziert sei. Meine Damen und Herren, das ist ein klarer Verstoß gegen das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz. Und es zeigt eine eklatante Kluft zwischen der Selbstverortung muslimischer Frauen und dem Bild, das in der nicht-muslimischen Mehrheitsgesellschaft gepflegt wird.

Dieses so hartnäckige Klischeebild steht natürlich auch im Widerspruch zu jeglicher Vorstellung von Feminismus. Leider gehen hier einige Feministinnen mit den Hetzern von Pegida eine unheilige Allianz ein, indem sie sich zu den Schutzengeln der vermeintlich ausgelieferten, schwachen muslimischen Frauen erklären – und doch damit nur Rassismus und Muslimfeindlichkeit schüren.

Wer muslimische Frauen mit unterdrückten Frauen gleichsetzt, nimmt Frauen nicht ernst und hört ihnen nicht zu – und dass, meine Damen und Herren, ist aus meiner Sicht das genaue Gegenteil von Feminismus.

Wir stehen leider in Deutschland vor einer schwierigen Situation: Zum einen schüren Pegida und Co zunehmend ein Klima von Hass und Aggression, das sich nicht zuletzt gegen Musliminnen und Muslime richtet. Zugleich haben wir in Deutschland immer noch Gesetze und Strukturen, die von solchen Menschen als Bestätigung ihrer eigenen Ressentiments gesehen werden können.

Was meine ich damit? Denken Sie an das Beispiel aus dem Arbeitsmarkt: Wenn Personalchefs Frauen mit Kopftuch nicht einstellen wollen, ist das ein klarer Gesetzesverstoß. Und dennoch fühlen sie sich im Recht. Warum? Ganz klar: Der Staat verbietet ja ebenfalls das Kopftuch, etwa im Schuldienst.

Wir sagen deswegen immer wieder: Kopftuchverbote im öffentlichen Dienst dürfen nicht pauschal sein und sind außerdem nicht auf die Privatwirtschaft übertragbar. Wir haben uns daher sehr über die Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts vom Frühjahr gefreut, die unsere Auffassung bestätigt hat. Nur: Geändert hat sie leider noch nicht viel.

So lange das so ist, haben wir es mit einem Teufelskreis zu tun: Es wird dafür gesorgt, dass nicht alle Frauen gleichermaßen an allen Bereichen des Lebens teilhaben und sich emanzipieren können. Gleichzeitig wird ihnen aber vorgeworfen, sich nicht einzubringen. Das ist absurd! Aber es ist bequem für jene, die Vielfalt ohnehin keinen Raum geben wollen.

Was gilt es also zu tun? Unsere Forderung, auf pauschale Kopftuchverbote zu verzichten, nannte ich bereits. Ein weiterer Baustein sind für uns die anonymisierten Bewerbungsverfahren. Durch Bewerbungen ohne Foto, ohne Namen, ohne persönliche Information kann sichergestellt werden, dass bei der Auswahl von Kandidatinnen und Kandidaten die Qualifikation zählt. Unser Pilotprojekt hat gezeigt, dass damit eine wichtige Schwelle überschritten ist: Die – oft unbewussten – Vorurteile kommen vor allem dann zum Tragen, wenn angesichts eines Stapels Bewerbungen auf dem Schreibtisch schnell ausgesiebt und entschieden werden muss. Im Vorstellungsgespräch selbst sieht es dann schon anders aus. Viele Bundesländer testen daher das Verfahren, Unternehmen, Verwaltungen und Betriebe halten daran fest. Wir finden: Das ist nicht der einzige, aber ein wichtiger Schritt, um Strukturen aufzubrechen.

In unserem anstehenden Themenjahr gegen Diskriminierung aufgrund von Religion und Weltanschauung entwickeln wir einen außerdem Leitfaden für Arbeitgeber zum Thema Diskriminierung und Religionszugehörigkeit. Er soll "Best Practice"-Beispiele und Handlungsempfehlungen erhalten, um Benachteiligungen am Arbeitsplatz vorzubeugen.

Aber natürlich ist, wie Sie alle wissen, der Arbeitsplatz nur ein Bereich, an dem Diskriminierung passiert. Es gibt zahllose andere: Schule, Wohnungsmarkt, Freizeit, um nur einige zu nennen. Wir wollen daher auch ganz allgemein im kommenden Themenjahr ein Augenmerk auf antimuslimischen Rassismus legen.

Und letztlich geht es auch darum, mehr von solchen Veranstaltungen wie heute zu haben: Damit muslimische Frauen, muslimische Feministinnen noch häufiger die Stimme erheben und sichtbar sein können. Und auch darum geht es: So vielfältig wir alle sind, ein Ziel des Feminismus eint uns alle – jedenfalls verstehe ich Feminismus so: Das Recht auf Selbstbestimmung und ein emanzipiertes Leben für alle Frauen zu verwirklichen, ihnen Respekt zu sichern und Vielfalt nicht nur zu tolerieren, sondern anzuerkennen. Vielen Dank!