Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Rede von Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, bei der Medientagung "Bilder von Sinti und Roma in Film und Fernsehen" am 17. Dezember 2015 in der Hauptstadtrepräsentanz des Dokumentations- und Kulturzentrums Deutscher Sinti und Roma in Berlin

Anfang 17.12.2015

Sehr geehrter Herr Rose, sehr geehrte Damen und Herren, verehrte Anwesende!

Die meisten hier werden das Gesicht vor Augen haben, das vor zwei Jahren in allen Nachrichtensendungen, in allen Zeitungen, auf allen News-Websites zu sehen war: Ein kleines Mädchen mit blonden Zöpfen, das sichtlich verstört in die Kamera guckt. Die kleine Maria ist – ohne eigenes Zutun – so etwas wie die Ikone eines neuen oder doch sehr alten Antiziganismus in Europa geworden. Der Verdacht, das blonde, hellhäutige Kind sei von seinen Zieheltern, einer Roma-Familie in Griechenland, entführt worden, wurde in vielen europäischen Medien schnell zur Gewissheit. Als die Behörden in Irland Tage später ein weiteres blondes Roma-Kind seinen leiblichen Eltern wegnahmen, verkündete RTL, Marias "Schicksal" sei "offenbar kein Einzelfall". Noch ein Kind sei, Zitat, "wohl von einer Roma-Familie entführt" worden. Und weitere Fälle würden geprüft. Bald darauf entlastete ein DNS-Test die Eltern und sie erhielten das Kind zurück. Und auch der Entführungsvorwurf im Fall Maria fiel in sich zusammen.

Aber es bleibt erschreckend, dass quer über den Kontinent hinweg das Stereotyp vom "Zigeuner", der fremde, weiße Kinder stiehlt, bei so vielen sofort abrufbar war. Der Germanist Wilhelm Solms hat das Gerücht von den Sinti und Roma als Kinderdieben in der europäischen Literatur bis ins 17. Jahrhundert zurück nachweisen können. Denken Sie nur an den "Glöckner von Notre Dame", wo Esmeralda in Wahrheit keine Romni ist, sondern als Kleinkind von sogenannten "Zigeunern" entführt wurde. Das Klischee von den Kinderdieben ist eines der hartnäckigsten und eines der "infamsten antziganistischen Stereotype", wie der Soziologe Franz Maciejewski sagt. Aber es ist leider Gottes nicht das einzige, das bis heute seine giftige Wirkung entfaltet.

Im vergangenen Jahr hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes in der bislang größten Studie zum Thema die Einstellungen der Bevölkerung zu Sinti und Roma untersucht. Keine Minderheit, so mussten wir dabei feststellen, wird in Deutschland so negativ gesehen wie Sinti und Roma. Über keine andere Gruppe sind negative Klischees und Stereotypen so tief im Bewusstsein der Menschen verankert. Die Bilder vom "fahrenden Volk", die Zerrbilder von "diebischen Zigeunern" oder, vermeintlich positiv gewendet, von den "fröhlichen Musikanten", die in der kollektiven Vorstellung bestehen, sind wie erwähnt sehr alt. Die modernen Medien haben sie nicht erst erzeugt.

Aber Medien sorgen leider zu oft – und oft zu unbedacht – dafür, dass sie immer und immer wieder neu verbreitet werden. Egal, ob es um die seit vielen Jahrhunderten hier lebenden deutschen Sinti oder um neu zugewanderte Roma aus Ländern wie Bulgarien, Rumänien, Serbien oder dem Kosovo geht. Meist mag den Journalisten gar nicht bewusst sein, in welche Traditionen sich die Bilder und Leitmotive ihrer Berichterstattung reihen. Eine gute Richtschnur wäre vielleicht schon die Frage: Würde man über einen Sachverhalt genauso berichten, wenn nicht Sinti oder Roma betroffen wären? Wie kommt es denn, dass die Berichterstattung über sogenannte "Problemhäuser", ob in Duisburg oder in Berlin, die Verantwortung für die Zustände so schnell bei den Bewohnern sucht, und nicht wie in anderen Fällen vernachlässigter Immobilien zunächst bei den Vermietern? Wieso "kassieren" Roma im Sprachgebrauch mancher Medien Sozialleistungen, während andere Menschen sie "beziehen"? Was steckt dahinter, dass Roma aus Rumänien und Bulgarien nicht als EU-Bürger mit dem selbstverständlichen Recht auf Freizügigkeit angesehen werden, sondern pauschal – und fälschlich! – als "Armutszuwanderer" kategorisiert werden?

In der Antidiskriminierungsstelle des Bundes erleben wir, wie sich antiziganistische Vorurteile auswirken. Etwa, wenn Inhabern rumänischer Personalausweise – konkret aber: Roma – die Eröffnung von Bankkonten verweigert wird. Oder wenn sich in einem Restaurant das Personal auf Anweisung der Geschäftsführung weigert, eine Gruppe von Roma zu bewirten. Wenn Sinti oder Roma rassistisch beleidigt werden, zum Teil sogar von Behördenmitarbeitern. Und nicht zuletzt, wenn sie bei der Suche nach Arbeit und Wohnung immer wieder an pauschaler Ablehnung und Vorurteilen scheitern.

Ich freue mich sehr, dass hier gleich Markus End sprechen wird. Er hat, ebenfalls im vergangenen Jahr, in einer verdienstvollen Medienstudie detailliert herausgearbeitet, wie in den Medien vorurteilsbehaftete Bilder von Sinti und Roma verbreitet werden. Seine Erkenntnisse liefern viel Stoff für Diskussionen, und ich bin froh darüber, dass diese heute hier stattfinden werden – Diskussionen zwischen Vertreterinnen und Vertretern der Sinti und Roma, Medienrechtsexperten und Journalisten. Solche Begegnungen auf Augenhöhe sind wichtig, es gibt sie vielleicht zu selten.

Meine Damen und Herren, ich kenne den journalistischen Blickwinkel sehr gut. Ich verstehe das Bedürfnis, ja die Verpflichtung von Journalistinnen und Journalisten, Dinge beim Namen zu benennen und nichts zu beschönigen. Diese Haltung ist hoch zu achten. Sie darf aber nicht zu dem Reflex führen, sich gegen Kritik der Betroffenen zu verschließen. Zumal dann nicht, wenn diese Kritik genau belegen kann, dass manche Bilder in der Berichterstattung über Sinti und Roma auf uralten Stereotypen aufbauen, die tief in unserer Gesellschaft verankert sind. Darüber muss man ins Gespräch kommen. Es freut mich, dass so viele von Ihnen heute hier sind, um genau das zu tun.

Die Freiheit von Presse und Rundfunk ist ein hohes Gut. Es sind die Medien selbst, die Wege finden müssen, wie sie sensibler auf antiziganistische Klischees reagieren können. Es wäre am Ende viel gewonnen, wenn Antiziganismus so eindeutig geächtet würde, wie das beim Antisemitismus der Fall ist.

Ich bin sehr froh, dass das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma seit diesem Herbst mit eigenen Räumen in Berlin vertreten ist. Wir brauchen die starke Stimme dieser nationalen Minderheit auch hier in der Hauptstadt. Und es ist darum ein gutes Signal, dass diese Tagung vom Dokumentations- und Kulturzentrum nun hier im eigenen Haus veranstaltet werden kann.

Ich freue mich nun auf eine anregende, kontroverse, erhellende Diskussion und wünsche Ihnen allen eine erfolgreiche Tagung.