Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Laudatio von Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, bei der Verleihung der Preise für den Jugendwettbewerb Fair@school am 13. Juni 2017 im Besuchergruppenraum BMFSFJ

Anfang 14.06.2017

Liebe Anwesende, liebe Preisträgerinnen und Preisträger,

die Spannung ist vorbei, die Freude bei denen wohl umso größer, die den ersten Platz erhalten: Noch einmal Glückwunsch an die Kurt-Schwitters-Gesamtschule aus Berlin!
Ich sagte ja schon eingangs: Früher war ich einmal Lehrerin.

Es wird also Sie und euch nicht wundern, dass ich mir einen pädagogischen Einstieg für meine Lobrede überlegt habe.

Aber keine Angst, es wird nicht langweilig, denn es geht um den Namenspatron Ihrer Schule: Kurt Schwitters.
Ich zitiere einmal, wie Kurt Schwitters seine Geburt beschreibt:
„Ich wurde als ganz kleines Kind geboren. Meine Mutter schenkte mich meinem Vater, damit er sich freute. Als mein Vater erfuhr, dass ich ein Mann war, konnte er sich nicht mehr halten und sprang vor Freude im Zimmer herum, denn er hatte sich sein ganzes Leben immer nur Männer gewünscht.“

Das ist natürlich zuallererst einmal ein schöner Unsinn.
Aber was genau finden wir komisch, sogar zum Lachen an diesen kurzen drei Sätzen?

Schwitters spielt hier mit Erwartungen. Mit Erwartungen, wie man sich den Beginn eines Lebens vorstellt, wie man sich Familie vorstellt. Aber in jedem Satz unterläuft er sie, er stellt sich quer.

Er treibt innerhalb von drei Sätzen das ganze „fröhliche Ereignis“, die Geburt eines Kindes, ins total Absurde. Das gipfelt mit dem Abschluss: „denn er hatte sich immer nur Männer gewünscht“.

Natürlich ist ein Baby kein Mann. Aber dieser Satz spricht schon das ganze klar umrissene Rollenbild aus, mit dem dieses Baby womöglich fortan zu leben hat.

So war der Namenspatron eurer Schule ein richtiger Querdenker.
Hätte ihm auch queeres Denken gefallen? Ich glaube schon.

Denn es geht ja hier wie da, bei der Wortkunst wie beim Einsatz gegen Vorurteile und für Akzeptanz darum, eingefahrene Denkstrukturen aufzubrechen, Dinge anders zu machen als gewohnt.

Wenn es um den Einsatz gegen Diskriminierung geht, dann heißt das auch: Sich zu lösen von nutzlosen und schädlichen Vorurteilen, auch wenn das manche Weltsicht erschüttern mag.

Nicht erschütternd, sondern mit viel Spaß, mit der Einbindung aller Schülerinnen und Schüler und einer großen Sensibilität setzt sich eure Schule mit ihrem Respekt-Club für die Akzeptanz geschlechtlicher und sexueller Vielfalt ein.

Ich habe mir vor dem heutigen Tag das Plakat zu eurer Aktion „Kurt dresst“ angesehen.
Das war, für die übrigen Anwesenden, ein Aktionstag, an dem Schülerinnen und Schüler sich „queer“ kleiden konnten. Damit konnten sie einmal an sich selbst in Frage stellen, was es mit der Binarität der Geschlechter auf sich hat - also der Tatsache, dass überall nur von „Mann“ und „Frau“ die Rede ist und diesen beiden Geschlechtern bestimmte, unverrückbare Eigenschaften zugeschrieben werden.

Was, wenn sich jemand darin nicht wiederfindet? Was, wenn jemand dafür ausgegrenzt oder gemobbt wird, dass er oder sie sich darin nicht wiederfindet? Wem nützt es überhaupt, dass wir so starrsinnig an zwei Geschlechtern festhalten?

Ein solches Projekt hilft, sich mit diesen Fragen zu beschäftigen. Die Fotos, die ich von diesem Tag gesehen habe, sind in vielerlei Hinsicht beeindruckend. Ich sehe hier: Junge Menschen – und auch Lehrkräfte, die sich nicht verkleiden, sondern mit den Geschlechterrollen und ihren Ausdrucksmöglichkeiten spielen: Selbstbewusst, phantasievoll und schön.
Ich weiß, dass dieses und andere Projekte in diesem Rahmen – ich nenne nur das Projekt „Kurt küsst“, dessen Name sich schon ein wenig selbsterklärt, oder die Galerie mit queeren Berühmtheiten – vieles an der Schule geändert haben.

Es gibt Trans*-Jugendliche, die dort nun offen leben wollen und können. Es gibt Coming Outs von lesbischen, schwulen und bisexuellen Schülerinnen. Das ist, man muss es leider sagen, an vielen Schulen immer noch kaum denkbar.

Ich habe auch erfahren, dass viele der Themen nun auch in den Unterricht mit einfließen, dass es zum Beispiel in Mathe in Textaufgaben nicht immer zwangsläufig ein Mann und eine Frau sind, wenn es um Paare geht. Das ist etwas, das die Antidiskriminierungsstelle des Bundes sich seit langem wünscht:

Dass die Themen der sexuellen und geschlechtlichen Vielfalt ganz selbstverständlich Eingang in den Schulunterricht finden, und zwar überall. Denn es sind nun einmal nicht alle Schülerinnen, Schüler und Lehrkräfte heterosexuell. Und es sind auch nicht alle einfach Jungs oder Mädchen, weil ein Arzt bei der Geburt das so festgestellt zu haben meinte.

Eine solche Herangehensweise – mit Respekt und Wertschätzung, aber auch mit Kreativität und Spaß, sorgt dafür, dass sich das Klima an der gesamten Schule verbessert.

Und das wirkt sich, davon bin ich überzeugt, nicht nur auf die Fragen Geschlecht und sexuelle Orientierung aus. Von Respekt und Wertschätzung profitieren alle. Wer in einem Bereich verstanden hat, was hinter diesen Begriffen steht und welche Auswirkungen Diskriminierung haben kann, wird auch sensibilisiert, wenn es um andere Themen wie zum Beispiel Rassismus geht.

Nun haben Sie und ihr mich aber lange genug reden hören und auf den Preis gewartet. Aber wer mit Schwitters beginnt, muss auch mit Schwitters enden: Wie ging es also weiter mit Schwitter‘s Lebensbeschreibung seiner jungen Jahre? Ich zitiere:
„Dann wuchs ich heran zur Freude anderer, und es ist schon immer in meinem ganzen Leben mein Bestreben gewesen, anderen immer nur Freude zu bereiten. Wenn sie sich dann manchmal aufregen, dafür kann ich ja nichts.“

Das möchte ich euch auf den Weg geben: Bleibt kreativ, habt weiter Spaß an der Sache, setzt euch ein, respektiert andere Lebensweisen und macht euch nichts daraus, wenn ihr damit manchmal aneckt. Wir brauchen mehr Menschen, die so denken und handeln wie ihr – junge und alte.

Der erste Preis geht also an – die Kurt-Schwitters-Gesamtschule!