Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Grußwort von Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, beim Literarischen Salon „Lesbisches und schwules Lieben in der Literatur“ am 20. Juni 2017 im LCB

Anfang 20.07.2017

Sehr geehrte Damen und Herren,
liebe Autorinnen und Autoren,
liebe Gäste!

Wenn wir uns heute hier über lesbisches und schwules Lieben in der Literatur unterhalten wollen, dann werden dabei, denke ich, zwei Umstände eine besondere Rolle spielen: Sichtbarkeit.

Und Mut.

Aus vielen, vielen persönlichen Gesprächen mit Opfern des Strafrechts-Paragrafen 175 weiß ich, wie allein gelassen, aber auch wie einsam sich viele von ihnen gefühlt haben.

In den 50, 60er Jahren waren wir von einer schwul-lesbischen Community weit entfernt. Ein Zeitzeuge berichtete mir, er kannte nicht einmal das Wort für Homosexualität. Er wusste nur, dass er anders war, und das wurde schnell verbunden mit „nicht in Ordnung sein“. Das wurde dann ja auch bestätigt – durch Gefängnisstrafen, durch soziale Ausgrenzung, durch Familien, die sich abwandten – bei einigen bis heute. Und noch immer ist die Scham vieler Männer, die damals für ihre Liebe bestraft wurden, so groß, dass sie nicht über diese Zeit sprechen möchten. Ähnliches gilt, auch wenn sie nicht von der Strafverfolgung betroffen waren, natürlich auch für Frauen.

Wie sehr kann Literatur hier helfen – als Bestätigung, nicht allein zu sein. Als Unterstützung und Ermutigung. Wir kennen doch alle diesen Moment, in dem ein Buch einem zu sagen scheint: Hier ist noch jemand, der oder die genauso denkt und lebt wie du. Es gibt doch kaum ein besseres Medium dafür als ein gutes Buch.

Dieses Zeichen, das Literatur zu setzen vermag, hat sicher vielen Menschen in Lebenskrisen geholfen.

Aber - Zeichen setzen müssen wir auch heute noch:

„Gleiches Recht für jede Liebe“ – das ist das Motto der Antidiskriminierungsstelle des Bundes in diesem Jahr für unser Themenjahr zu sexueller Vielfalt. Wir machen damit auf Diskriminierungen von Lesben und Schwulen aufmerksam, die es leider immer noch gibt.

Natürlich: In diesem Jahr sind wir Riesenschritte vorangekommen!

Erst vor wenigen Tagen ging die „Ehe für alle“ durch den Bundesrat - nach einer, wie Sie alle wissen, recht unerwarteten, aber ganz und gar erfreulichen Abstimmung im Parlament.

Gleichzeitig beschloss der Bundesrat die Rehabilitierung der Opfer des § 175 StGB – endlich, nach dieser langen Zeit.

Ich habe die erste Lesung mit Zeitzeugen von der Tribüne aus verfolgt, und es war geradezu zu spüren, welche Anspannung von ihnen abfiel, wie wichtig dieses Gesetz ist, um diesen Männern ihre Würde zurückzugeben.

Es hat lange gedauert. Es war ein zäher Kampf. Aber dieses erste Halbjahr 2017 war dennoch ein Riesenerfolg für die Gleichberechtigung von Lesben und Schwulen.

Was heißt das für den heutigen Abend?
Was bedeutet das für das Schreiben über lesbische und schwule Liebe?

Können „Sichtbarkeit“ und „Mut“ als Themen jetzt ersetzt werden durch „Selbstverständlichkeit“?

Ich bin gespannt, welche Antworten unsere Autor_innen darauf haben.

Aber blicken wir noch einmal zurück: Literatur, in der von homosexueller Liebe berichtet wird, gibt es noch nicht lange.

Denken Sie an die Zwänge und das Leid, das zum Beispiel im 19. Jahrhundert Oscar Wilde erlebte, den seine Homosexualität ins Gefängnis brachte. „An meiner eigenen Tragödie ist alles hässlich, schäbig, abstoßend, stillos. Wir sind Witzfiguren des Leids. Clowns mit gebrochenen Herzen. Karikaturen, die allenfalls noch die Lachmuskeln reizen“, schrieb er aus dem Gefängnis.

Oder Thomas Mann, der nur in seinen Tagebüchern deutlich über seine Homosexualität schreiben konnte, die er als „Schwäche“ und als „Krankheit“ empfand.

Auch er hätte Gefängnis fürchten müssen und noch mehr die Nationalsozialisten, vor denen er 1933 floh.

Positiv, selbstverständlich, frei über homosexuelle Liebe schreiben? In dieser Zeit praktisch undenkbar.

Und es ist erst wenige Jahre her – 2013 war das -, dass die katholische Verlagsgruppe „Weltbild“ Bücher aus dem Sortiment nahm, die sich mit Homosexualität befassten – und nebenbei, mit der Sado-Maso-Schmonzette „50 Shades of Grey“ eifrig weiter die Kassen füllte.

Wir sehen daran: Die Zeit der Selbstverständlichkeit ist noch nicht gekommen.

Aber kann und muss Literatur heute dazu beitragen, diese Selbstverständlichkeit herzustellen?

Ich freue mich, dass die herausragenden Autor_innen hierzu heute eine ganze Bandbreite von Erfahrungen mitbringen. Herausgreifen möchte ich Traude Bührmann und Antje Rávic Strubel, die für zwei Generationen des Schreibens stehen.

Nehmen Sie das Buch „Faltenweise“ von Traude Bührmann, das lesbische Frauen zwischen 48 und 81 Jahren porträtiert - und ermutigt, gleichermaßen offen mit dem Körper, der eigenen Sexualität und auch dem Alter umzugehen. Ein wichtiges Buch, das Frauen sichtbar macht, um die es noch viel zu selten geht.

Einen ganz anderen Weg schlägt „In den Wäldern des menschlichen Herzens“ von Antje Rávic Strubel ein:
Hier geht es um eine ganze Bandbreite queerer Charaktere, um trans* oder fließende Identitäten; um Begehren, das mit homo-, hetero- oder bisexuell gar nicht beschreibbar ist. Und es wird auch nicht mit diesen Begriffen beschrieben, im Gegenteil: Auf solche Begriffe wird komplett verzichtet. Sind sie notwendig, um das Buch zu verstehen? Ich denke nicht.

Eines ist, denke ich, jetzt schon klar:

Wir brauchen weiter Literatur, die uns begleitet, mit der wir uns identifizieren können und auch solche, die uns ganz neue Wege aufzeigt.

Die von mir herausgehobenen Bücher zeigen zwei Varianten, künstlerisch mit dem Thema lesbischer, schwuler, queerer Liebe umzugehen. – Doch es gibt mutmaßlich so viele, wie es Varianten von Liebe gibt.

Umso mehr freue ich mich, einige davon jetzt kennenzulernen.

Vielen Dank.