Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Grußwort von Christine Lüders, Leiterin der ADS, zur Fachtagung „LSBTTIQ*: Vielfalt als Stärke – Vielfalt als Herausforderung!“ am 12. September 2017 im Tagungswerk Berlin

Anfang 25.09.2017

Liebe Helen Kennedy,
sehr geehrte Damen und Herren,
sehr geehrte Anwesende!

Als wir uns vor etwa einem Jahr in der Antidiskriminierungsstelle des Bundes überlegt haben, welche Akzente wir in diesem Jahr setzen wollen zum Thema Gleichstellung von Lesben, Schwulen und Bisexuellen – und natürlich auch von Trans und Inter, hier hatten wir ja schon 2015 einen eigenen Schwerpunkt im Themenjahr „Geschlecht“ – da hatten wir eine Ausgangslage, die uns wenig Mut gemacht hat.

Bei der Frage der Entschädigung der Opfer des Unrechts-Paragrafen 175 gab es nach dem wegweisenden Burgi-Gutachten der Antidiskriminierungsstelle zwar Bewegung, aber auch viele Widerstände. Das Gesetz kam und kam nicht voran.

Viele äußerten die Sorge, die Bundesregierung verspiele hier wieder einmal die historische Chance, die Betroffenen endlich zu entschädigen und die Urteile für null und nichtig zu erklären.

Und bei der Ehe für alle? Da glaubten selbst die größten Optimisten nicht mehr daran, dass es hier rasch zu einer – ja doch eigentlich so einfachen – Lösung kommen würde.
Und doch haben wir unser Themenjahr ganz bewusst „Gleiches Recht für jede Liebe“ genannt und im Januar ausgerufen.

Wir wollten und wollen klar machen: Gleiche Rechte sind kein Gnadenakt. Gleiche Rechte sind keine Spezial-Rechte für Minderheiten. Nein: Gleiche Rechte sind ein elementarer Bestandteil der Demokratie, die allen Menschen zugutekommen. Und das sieht übrigens auch die Bevölkerung so. Anfang des Jahres veröffentlichten wir dazu eine wegweisende Umfrage. Seit letzter Woche ist übrigens auch die zugehörige wissenschaftliche Einordnung von Frau Prof. Küpper erschienen. Mehr als 80 Prozent der Befragten befürworteten in der Umfrage die „Ehe für alle“, fast ebenso viele die Entschädigung der Opfer des §175.

Konnte die Politik daran einfach vorbeigehen?

In den Monaten danach haben wir alle schließlich Momente erlebt, in denen Geschichte sich zu beschleunigen scheint – Momente, in denen ich gar nicht so schnell gucken konnte, wie die gordischen Knoten der LSBTTIQ-Politik durchschlagen wurden. Dass es kein halbes Jahr dauern sollte, bis nicht nur die Rehabilitierung und Entschädigung der „175er“, sondern auch die Öffnung der Ehe beschlossene Sache waren, das hätte ich mir im Januar nicht träumen lassen. Es waren dies ohne Übertreibung historische Schritte für die LSBTTIQ-Emanzipationsbewegung.

Und so gab es in diesem CSD-Sommer echten Grund zum Feiern:

Weniger für die Politik, die schließlich lange genug gebraucht hat, endlich das Richtige zu tun. Aber in jedem Fall für all die Aktiven aus der Community – für so viele von Ihnen, liebe Anwesende, deren jahrzehntelanger Einsatz diese Erfolge erst möglich gemacht hat!

Wir wären heute nicht da, wo wir sind, wenn Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans*, Inter und queere Menschen sich nicht selbst ihre Sichtbarkeit erkämpft und unermüdlich gleiche Rechte eingefordert hätten.

Dafür möchte ich mich an dieser Stelle ganz herzlich bedanken!

Nun, nach den Feiern, muss aber auch eines völlig klar sein: Wer meint, der Kampf gegen rechtliche Diskriminierungen sei an sein Ende gekommen, der irrt gewaltig.

Dringend muss eine grundlegende Reform des unseligen Transsexuellengesetzes kommen– am besten, indem es durch ein Geschlechtsidentitätsgesetz ersetzt wird. Das Abstammungs- und Familienrecht muss angepasst werden, um der Lebensrealität von Regenbogenfamilien besser gerecht zu werden. Wir brauchen eine schnelle gesetzliche Klarstellung, dass die Ehe für wirklich alle, nämlich auch für intersexuelle Menschen ohne Geschlechtseintrag, offensteht.

Und nicht zuletzt sollte endlich, endlich der Schutz vor Benachteiligung aufgrund der sexuellen Orientierung auch in Artikel 3 GG aufgenommen werden. Daneben gilt es weiter unermüdlich gegen alltägliche Diskriminierungen und für echte gesellschaftliche Akzeptanz einzutreten. Unsere eben erwähnte Befragung hat auch gezeigt, dass die Menschen in Deutschland hier viel weiter sind als manche in der Politik glauben machen wollen. So sind fast 90 Prozent dafür, in Schulen Akzeptanz gegenüber Lesben, Schwulen und Bisexuellen zu vermitteln.

Aber die Untersuchung zeigt auch: Die Offenheit hat noch immer Grenzen. 38,4 Prozent der Menschen empfinden es als unangenehm, wenn zwei Männer sich in der Öffentlichkeit küssen.

Was heißt all das für die Community? Welche Strategien sind am besten, um gemeinsam Stärke „nach außen“, in die Mehrheitsgesellschaft zu zeigen? Was sind gemeinsame Themen, für die es sich lohnt, in Zukunft zu streiten? Wie können wir, wie können Sie die Themen prominent auf der Agenda halten? Wie können wir dabei verständlich bleiben und möglichst viele Menschen erreichen – gleichzeitig aber auch niemand zurücklassen?

Unser Tagungstitel „Vielfalt als Stärke – Vielfalt als Herausforderung“ soll all das umschreiben: Niemand kann bestreiten, dass es gerade auch die Allianzen zwischen LSBTTIQ sind, die viele Erfolge der letzten Jahre möglich gemacht haben. Und doch liegt noch so vieles vor uns als Gesellschaft. Da lohnt es sich, über den Tellerrand zu schauen – in vielerlei Hinsicht.

Etwa, indem wir über Deutschland hinausblicken. Ich bin sehr froh, liebe Helen, dass Du den Weg aus Toronto auf Dich genommen hast, um zu uns zu sprechen. Helen Kennedy ist eine von zwei Generalsekretärinnen von ILGA World, manche werden Sie in dieser Funktion kennen. Sie ist aber vor allem auch die Geschäftsführerin von Egale Canada, der größten LSBTI-Organisation Kanadas – einem Land, in dem die Gleichstellung von nicht-heterosexuellen Menschen einen ganz anderen politischen und auch gesellschaftlichen Stellenwert hat.

Vor drei Monaten habe ich Helen in Toronto besucht, um zu sehen, was wir vom kanadischen Beispiel lernen können. Liebe Helen, willkommen in Berlin, ich bin sehr gespannt auf Deine Keynote.

Und weil ich gerade bei Kanada bin, erlauben Sie mir bitte, unter all unseren Gästen eine Teilnehmerin herauszugreifen: Professorin Bastien-Charlebois kommt aus Montreal zu uns, wo sie am Lehrstuhl für Homophobie-Forschung arbeitet. Einem Lehrstuhl, der vollständig von der Provinz Quebec finanziert wird,
als Teil des dortigen Aktionsplans gegen Homophobie – auch so ein Beispiel von dem wir lernen können, meine ich.

Ich finde es großartig, dass Sie heute hier sind, und zwar für den Conseil LGBT von Quebec, den ich in Kanada auch getroffen habe. Ich freue mich außerdem sehr, dass wir auch in der Forschung über den Tellerrand blicken können – und Ihnen heute ganz exklusiv, weil brandneu ausgewertet – eine Sonderauswertung unserer Studie „Diskriminierung in Deutschland“ präsentieren können.

Vielen Dank, Frau Kalkum, dass Sie uns gleich zum Thema „Diskriminierungserfahrungen aufgrund der sexuellen Orientierung“ vertiefende Informationen bereitstellen. Wir wollen heute – auch beim Podiumsgespräch und den Panels – ganz bewusst „merkmalsübergreifend“ denken:

Wie steht es mit den Herausforderungen für LSBTTIQ* im Alter? Wie sieht es mit der Verknüpfung von LSBTTIQ* und Behinderungen aus? Wie steht es um Rassismuserfahrungen?

Über diese und weitere Fragen werden wir in den Workshops Gelegenheit zur vertiefenden Diskussion geben. Wir hätten heute noch viel, viel mehr als die sieben Workshops organisieren können, das ist klar. Trotzdem mussten wir uns einschränken. Ich glaube aber, wir haben hier eine gute Mischung gefunden. Das sehe ich auch daran, dass wir noch niemals zuvor so viele Anmeldungen für eine Fachtagung hatten.

Ich danke Ihnen allen nochmals sehr für ihr Kommen – und wünsche einen interessanten und gelegentlich auch kurzweiligen Tag!

Vielen Dank!