Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Grußwort von Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, am 16. Oktober 2017 bei der Verleihung des Preises für das Engagement gegen Diskriminierung in Berlin

Anfang 16.10.2017
Rednerin Christine Lüders

Natürlich muss ich mit Ihnen beginnen, Lucie Veith!
Danke für Ihr Kommen!
Sehr geehrte Frau Ministerin,
sehr geehrte Abgeordnete
des Deutschen Bundestages und des Berliner Abgeordnetenhauses,
sehr geehrte Mitglieder
des Beirates der Antidiskriminierungsstelle,
sehr geehrte Frau Schaluschke,
sehr verehrte Anwesende,

ich freue mich sehr, dass Sie alle unserer Einladung hier ins Museum für Kommunikation gefolgt sind.

Danken möchte ich auch Ihnen, sehr geehrte Frau Prof. John und dem gesamten Beirat der Antidiskriminierungsstelle.
Sie haben sich im Vorfeld wiederholt intensiv beraten – und uns heute eine in jeder Hinsicht würdige Person für diesen Preis beschert.

Wie Sie wissen, vergibt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes den Preis für das Engagement gegen Diskriminierung nunmehr zum dritten Mal.

Es ist ein undotierter Preis.

Doch es ist einer, den wir mit viel Herzblut vergeben – an Persönlichkeiten oder an Institutionen, die sich in besonderer Weise gegen Diskriminierung und für Gleichbehandlung hervorgetan haben.

Ich freue mich auch sehr auf unsere Laudatorin.
Ich möchte mich sehr bei Ihnen, sehr geehrte Frau Ministerin Barley, dafür bedanken, dass Sie heute zu uns sprechen werden.

Die unabhängige Antidiskriminierungsstelle und das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind organisatorisch verbunden.

Deshalb bin ich nicht ganz unbefangen. Lassen Sie mich Ihnen dennoch meinen aufrichtigen Dank dafür sagen, dass Sie heute trotz ihres zeitraubenden Doppelamts als Familien- und als geschäftsführende Arbeitsministerin bei uns sind. Nun komme ich zur wichtigsten Person dieses Abends.

Lucie Veith: Sie haben sich den Antidiskriminierungspreis redlich verdient.

Ich erinnere mich genau an unsere erste Begegnung. Das war im Vorfeld der Vorstellung des Buches „Mein intersexuelles Kind“ von Clara Morgen.

Nach einigen herzlichen Begrüßungsworten kamen Sie damals rasch zur Sache.

„Nehmen Sie uns und unsere Forderungen ernst, Frau Lüders. Sonst bekommen Sie es mit mir zu tun“. In dieser Aufforderung klang damals vieles von dem mit, was Lucie Veith ausmacht.

Da ist Zorn, da ist Wut. Ich habe Sie vorhin gefragt, ob ich das hier so sagen kann. Sie haben gesagt: „Natürlich. Das steht an erster Stelle“.

Zorn darüber, dass Sie sich so viele Jahre alleine gelassen gefühlt haben – von Ärzten, die ihre Ahnungslosigkeit mit einer unfassbaren Arroganz überspielt haben, mit schlimmen Folgen. Zorn und Wut darüber, auch in Gesellschaft und Politik allzu lange Jahre marginalisiert und ignoriert worden zu sein.

Ich erinnere mich an viele weitere Begegnungen mit Ihnen. Ich bin sehr dankbar, dass Sie uns mit Ihrem Wissen und Ihren Erfahrungen zur Seite gestanden sind – ob bei Fachtagungen, in unserer ExpertInnenkommission zum Thema Geschlechtsdiskriminierung, ob beim Aktionstag am Brandenburger Tor.

Immer wieder blitzte da neben dem, ich nenne es jetzt mal produktiven Zorn, noch etwas anderes auf: Kampfgeist – und das nicht zu knapp!! Den haben Sie, Lucy Veith, und damit helfen Sie nicht nur vielen Tausend intersexuellen Menschen in unserem Land. Sie leisten damit auch einen ganz wichtigen Beitrag für das Gemeinwohl unseres Landes. Denn intersexuelle Menschen wollen und brauchen kein Mitleid.

Keine Sonderbehandlung.

Keine Extra-Aufmerksamkeit. Sondern gleiche Rechte. Wie alle anderen Menschen in unserem Land auch.

Und das beginnt eben schon kurz nach der Geburt. Tausende Menschen in unserem Land wurden durch geschlechtszuweisende Operationen für ihr Leben lang verstümmelt.

Sie wurden dadurch von gesunden Menschen zu Menschen, die ihr Leben lang Hormonbehandlungen, oft auch Psychotherapie in Anspruch nehmen müssen.

Und das, weil die Ärzteschaft, die Krankenkassen, die Gesellschaft und der Staat nicht anerkennen wollten und oft noch immer nicht anerkennen wollen, dass Intersexualität seit Anbeginn der Menschheitsgeschichte Normalität ist.

Es gibt nicht zwei Geschlechter, sondern viele, viele mehr.

Ich möchte Ihnen, Lucy Veith, und Ihnen, sehr geehrte Frau Ministerin, jetzt nicht zu sehr vorgreifen.

Lassen Sie mich dennoch sagen, dass wir von der Antidiskriminierungsstelle uns über diese Preisverleihung hinaus vom Gesetzgeber in Zukunft einiges erhoffen, um die Situation intersexueller Menschen zu verbessern.

Ich habe es erwähnt: Die Praxis der Zwangsverstümmelungen ist ein medizinischer Skandal, der noch viel zu wenig in die Öffentlichkeit gedrungen ist.

Ich würde mir wünschen, dass Staat und Ärzteschaft hier endlich ein explizites Verbot aller Eingriffe, denen keine lebensbedrohliche Indikation zugrunde liegt, auf den Weg bringen.

Dass Selbstverpflichtungen offenkundig nicht ausreichen, zeigt schon die auch in den vergangenen Jahren gleichbleibend hohe Zahl von Eingriffen.

Und: Wir brauchen einen Entschädigungsfonds, um von Fehlbehandlungen betroffenen Menschen zu helfen.

Außerdem halte ich die unter dem geltenden, so genannten „Transsexuellengesetz“ formulierten Regelungen zum Personenstandsrecht für rechtstaatlich bedenklich und politisch vorgestrig.

Wir brauchen deshalb dringend ein Geschlechtsidentitätsgesetz.

Ein weiterer Punkt kommt hinzu.

Seit gut zwei Wochen können in unserem Land endlich – und das ist gut so!!! – nicht nur Mann und Frau heiraten, sondern alle, ich zitiere aus dem Gesetz, „Personen verschiedenen oder gleichen Geschlechts“. Aber: Genau diese Formulierung wird nun von manchen so ausgelegt, dass für die Eheschließung ein amtlicher Geschlechtseintrag notwendig sei.

Warum eigentlich, wenn doch seit inzwischen mehreren Jahren der Geschlechtseintrag bei der Geburt freigelassen werden kann? Ich denke, wir brauchen eine gesetzliche Klarstellung, dass die Ehe für wirklich alle, nämlich auch für intersexuelle Menschen ohne Geschlechtseintrag, offensteht.

Das und nichts anderes entspricht dem Geist des Gesetzes. Wir als Antidiskriminierungsstelle werden uns dafür stark machen, dass sich die neue Bundesregierung dieser Empfehlungen annimmt.

Sie, sehr geehrte Frau Ministerin, haben sich diesen Themen in den vergangenen Monaten mit viel Energie angenommen. Leider war eine Verbesserung beim Personenstandsrecht in der vergangenen Legislaturperiode beim Koalitionspartner nicht durchsetzbar.

Wenn nun wohl zukünftig in einer anderen Parteienkombination weiter regiert wird, dann hoffe ich, dass diese Blockaden endlich aufhören – im Sinne der Betroffenen.

Dafür werde ich mich in den kommenden Monaten stark machen.

Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Anwesenden, diese Preisverleihung ist meine letzte als Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes.

Noch ist es ein bisschen unklar, wann wir einen Koalitionsvertrag haben werden und wie sich die neue Bundesregierung personell aufstellen wird – ich bin gebeten worden, noch so lange im Amt zu bleiben.

Es war mir eine Ehre, dass ich Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes sein durfte.

Ich bedanke mich sehr bei Ihnen allen, dass Sie meine und unsere Arbeit begleiten – und wünsche uns allen einen schönen Abend.
Frau Ministerin, Sie haben das Wort.
Vielen Dank.