Antidiskriminierungsstelle des Bundes

„Preisdifferenzierung nach Geschlecht in Deutschland“, Presse-Statement von Christine Lüders, Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, bei der Pressekonferenz zur Vorstellung der Studie am 20. Dezember 2017 in Berlin

Anfang 20.12.2017
Rednerin Christine Lüders

Liebe Frau an der Heiden,
Liebe Frau Prof. Wersig,
sehr geehrte Interessierte,

auch ich bedanke mich noch einmal sehr für Ihr Interesse an dieser Studie. Sie haben es gehört:
Es ist das erste Mal,
dass es eine bundesweite Erhebung dieser Art gibt.

Warum ist uns dieses Thema so wichtig?

Wenn Verbraucherinnen und Verbraucher nur wegen ihres Geschlechts für ein nahezu identisches Produkt mehr zahlen müssen, dann empfinden viele das zu Recht als ungerecht.
Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat auch den gesetzlichen Auftrag, Diskriminierungsrisiken zu erforschen und Empfehlungen zu ihrer Beseitigung zu geben.

Internationale Studien und Expertisen, etwa aus den USA, aus Frankreich und Österreich haben sich mit dem Thema bereits eingehend beschäftigt; auch die deutsche Verbraucherschutzminister-konferenz hat im vergangenen Jahr eine eingehende Untersuchung dazu angeregt. Nun liegt die erste Studie dieser Art vor, und, gleich vorweg: Ich halte es für eine gute Nachricht, dass wir in Deutschland keine flächendeckenden Preisaufschläge wegen des Geschlechts im Produktbereich nachweisen konnten.

Anders sieht es bei einigen Dienstleistungen aus.

Dass wir hier einen vergleichsweise hohen Prozentsatz von Angeboten identifizieren konnten, die nicht nachvollziehbare Preisaufschläge aufweisen, halte ich für bedenklich. Ich will keinem Dienstleistungsunternehmen in unserem Land unterstellen, Kundinnen oder Kunden vorsätzlich zu diskriminieren.

Im Gegenteil: Friseurinnen und Friseure machen in der absoluten Mehrzahl einen hervorragenden Job; das gilt auch für die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Reinigungsbranche. Auch kann und will ich mich nicht in die Preisgestaltung von Dienstleistungsunternehmen einmischen. Das regeln in unserer sozialen Marktwirtschaft Angebot und Nachfrage.

Aber: Wenn eine Person allein wegen ihres Geschlechts mehr zahlen muss, dann verstößt das gegen das Verbot der Geschlechterdiskriminierung im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz.

Ein solcher Zuschlag ist schlicht nicht gerechtfertigt – und er ist auch gar nicht nötig.

Natürlich kenne ich die Gegenargumente einiger Dienstleister. „Frauen brauchen nun mal mehr Beratung“, heißt es dann beim Frisör. Oder: Damenblusen seien viel aufwändiger, die müssten nun mal handgebügelt werden. Ich sehe diese Argumente kritisch.

Warum werden alle Frauen und Männer hier klischeemäßig im wahrsten Sinne des Wortes „über einen Kamm geschoren?“ Ist jede Frauenfrisur gleich? Die Friseurbranche sagt, man müsse für Frauen generell 15 Minuten mehr einplanen – deshalb sei die Frisur nun mal teurer.

Wir fragen: Warum eigentlich? Was ist mit der Frau, die keinen Beratungsbedarf hat – warum muss sie dann generell mehr zahlen? Haben alle Männer grundsätzlich weniger „Beratungsbedarf“?

Und was die Blusen angeht: In der Praxis kann doch eine Damenbluse auf genau das gleiche Spezialgerät eingespannt werdem wie ein Herrenhemd. Einen Preisunterschied von 1,80 Euro kann das niemals rechtfertigen. Was bedeuten diese Ergebnisse?

Ich würde mir zunächst einmal ein stärkeres Bewusstsein dafür wünschen, dass es sich hier schlicht um eine Benachteiligung handelt.

Zuallererst auf Kundenseite:
Wer weiß, dass es sich hier um einen Verstoß gegen das Diskriminierungsverbot handelt, der kann als aufgeklärter Konsument oder Konsumentin selbst entscheiden, ob er oder sie über solche Dienstleistungen verhandelt oder diskriminierungsfreie Anbieter in Anspruch nimmt. Und natürlich wünsche ich mir ein stärkeres Bewusstsein für eine geschlechtergerechte Preisgestaltung auch von den Dienstleistern selbst. Insbesondere dem Reinigungs- und dem Frisiergewerbe empfehlen wir deshalb, Dienstleistungen künftig nach der konkreten Art der Leistung und nicht pauschal nach dem Geschlecht anzubieten. Das könnte konkret über Selbstverpflichtungen der Textilreiniger bzw. der Frisierdienstleister geschehen.

Ich halte das für einen sehr maßvollen Vorschlag, der sich übrigens an eine entsprechende Regelung in unserem Nachbarland Österreich anlehnt.

Meine Kolleginnen und Kollegen der Österreichischen Gleichbehandlungsanwaltschaft haben dort in enger Absprache mit den Frisierdienstleistern Musterpreislisten wie diese hier entwickelt. Das ist ein sehr gutes Beispiel.

In diesen Listen wird keineswegs auf Leistungen verzichtet, die überwiegend von Frauen in Anspruch genommen werden. Aber: Vergleichbare Leistungen werden auch vergleichbar bepreist, nur darum geht es.

Soweit ich das beurteilen kann, haben die größten Frisierketten in Österreich seitdem auf eine Übersicht vergleichbarer Leistungen umgestellt.

Die Antidiskriminierungsstelle hat auch die hiesigen Berufsverbände der Textil- und Reinigungsdienstleister bei der Entstehung dieser Studie eingebunden. Ich werde in den kommenden Wochen mit den Verbänden das Gespräch suchen, um hier eine maßvolle und kundengerechte Lösung anzuregen. Die Antidiskriminierungsstelle empfiehlt außerdem ein regelmäßiges Monitoring im Hinblick auf geschlechtsspezifische Preisdifferenzierung.

Das könnte beispielsweise beim Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz angesiedelt werden. Das würde uns helfen, in einigen Jahren sehen zu können, ob sich etwas getan hat in Richtung Geschlechtergerechtigkeit bei der Preisgestaltung. Die heutige Studie kann dafür nur ein Anfang sein.

Vielen Dank.