Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Was Schule macht

Datum 25.11.2016

Diskriminierung in deutschen Bildungseinrichtungen muss offener thematisiert werden – auch von Lehrer_innen
Von Viola B. Georgi und Filiz Keküllüoğlu

So wie Vielfalt Bestandteil der Klassenzimmer ist, so gehört auch Diskriminierung zum Schulalltag. Jede_r vierte Schüler_in mit Migrationsbiografie fühlt sich diskriminiert, wie aus dem 2013 veröffentlichten Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes „Diskriminierung im Bildungsbereich und Arbeitsleben“ hervorgeht. Die soziale Selektion macht vor den Türen der Bildungseinrichtungen nicht halt. Der vierte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung zeigt, dass Kinder aus Familien mit einem Einkommen unter der Armutsrisikoschwelle mit einer 65-prozentigen Wahrscheinlichkeit die Hauptschule statt das Gymnasium besuchen. Auch ist auffällig, dass die Eltern von mehr als der Hälfte der Kinder, bei denen ein „Förderbedarf“ festgestellt worden ist, höchstens einen Hauptschulabschluss haben. Oft erfolgen Benachteiligungen und Ausschlüsse etwa bei der Notenvergabe oder den Empfehlungen für weiterführende Schulen ohne diskriminierende Absicht. Empirische Studien belegen, dass Lehrer_innen ihren Schüler_innen häufig weniger Kompetenzen und Fähigkeiten zuschreiben, wenn sie etwa aus sozioökonomisch schwierigen Verhältnissen kommen, keinen typisch deutschen Namen besitzen, vor dem Krieg in Syrien geflohen sind, den Islam praktizieren oder ihre Eltern keine Akademiker_innen sind. Die Mehrsprachigkeit von Kindern und Jugendlichen wird eher dann wertgeschätzt, wenn es sich um sogenannte Prestigesprachen handelt, wie etwa Englisch oder Französisch. Wer Türkisch, Serbisch oder Arabisch sprechen kann, dem begegnet Schule zumeist mit einer Defizitperspektive, die häufig mit kulturellen Zuschreibungen einhergeht. Kulturelle Unterschiede dienen dann häufig als Erklärungsschemata für vermeintliche Abweichungen von einer Norm, die sich im monokulturellen und monolingualen Habitus der Schule manifestiert.

Dieser defizitäre Blick hat negativen Einfluss auf Motivation und Lernerfolg sowie das Selbstbild der Lernenden und schränkt deren schulische Leistungsfähigkeit ein. Diskriminierungserfahrungen können die Bildungsverläufe und damit mittel- und langfristig auch die Teilhabechancen an verschiedenen Bereichen des gesellschaftlichen Lebens, etwa auf dem Arbeitsmarkt, massiv beeinträchtigen. Kindergärten, Schulen und andere Bildungseinrichtungen sind im Umgang mit sozialen Unterschieden und Diskriminierung keine passiven Instanzen. Sie können und sollten sich aktiv für Antidiskriminierung einsetzen und den ihnen anvertrauten Kindern und Jugendlichen entsprechend Dialog-, Entfaltungs- und Schutzraum bieten.

Gelingen kann das, wenn Schule sich interkulturell öffnet, d. h. diversitätssensibel und inklusiv gedacht und gestaltet wird. Dazu gehören die Anerkennung der Diversität menschlichen Lebens in der Organisation und Gestaltung von Bildung, die Wertschätzung der spezifischen Ressourcen der Lernenden ebenso wie die Verankerung struktureller Rahmenbedingungen, die benachteiligende Ausgangslagen ausgleichen und mehr Partizipation ermöglichen.

Darüber hinaus ist ein Perspektivenwechsel vonnöten: Statt sich stets und einseitig auf die Kompensation der vermeintlichen Defizite der Schüler_innen zu konzentrieren, müssten benachteiligende Routinen und diskriminierende Praktiken in der Schule sichtbar gemacht und kritisch reflektiert werden. Das ist gleichermaßen Aufgabe der Schulentwicklung sowie auch der Lehrerausbildung und -fortbildung, etwa durch Diversity- und Antidiskriminierungs-Trainings. Weiteres wichtiges Instrument zur Bekämpfung von Diskriminierung in der Schule stellen unabhängige Beschwerdestellen für Schüler_innen und Eltern an Schulen dar, von denen es bisher noch zu wenige gibt. Wenn wir über Diskriminierung und Antidiskriminierung in der Schule sprechen, geht es letztlich um die Entwicklungs- und Transformationsfähigkeit von Schulen in der Auseinandersetzung mit Heterogenität.

Filiz Keküllüoğlu ist Koordinatorin des Zentrums für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften. Sie promoviert zu „Bildungsbiografien in transnationalen Räumen“.
Prof. Dr. Viola B. Georgi ist Professorin für Diversity Education an der Stiftung Universität Hildesheim und Gründungsdirektorin des Zentrums für Bildungsintegration – Diversity und Demokratie in Migrationsgesellschaften.